Kultur : "Kulturverschwörung": Die Angst vorm Fliegen

Peter Laudenbach

Der Untergang des Abendlandes oder des Theaters, was ja fast auf das gleiche hinausläuft, steht vorläufig nicht bevor. Immerhin darauf konnten sich Sasha Waltz und Claus Peymann am Sonntagmorgen im Atrium der DG Bank an Pariser Platz verständigen. Eine Gesprächsreihe, die das DeutschlandRadio unter dem Titel "Kulturverschwörung" veranstaltet, widmet sich dem Selbstverständnis der institutionalisierten Hochkultur im 21. Jahrhundert, ein Thema, das naturgemäß zu erhöhter Allgemeinplatzdichte einlädt. Nach Diskussionen über Oper, Kirche, Kino und Schule ging es diesmal um die Bühne. Dabei gelang es Peymann, "allen Pfeffersäcken, Ignoranten und Banausen zum Trotz", optimistisch in die Zukunft zu blicken, auch wenn die seine "schon aus biologischen Gründen begrenzt ist", wie er, kokett seine Unsterblichkeit anzweifelnd, einräumte. Mit dem Ausruf, das Theater könne "gar nicht untergehen", zeigte sich der Intendant des Berliner Ensembles in seiner Lieblingsrolle als trotziger Emphatiker. Die Choreografin Sasha Waltz hatte poetisch reizvollere Theaterträume aufzubieten. "Am Theater soll das Unmögliche möglich sein und das nur Mögliche unmöglich", lautete ihre paradoxe Formel für eine Kunst jenseits kleinlicher Sachzwänge. "Eigentlich möchte ich fliegen."

Über so hässliche Dinge wie unzureichende Subventionen oder nicht erreichtes Einnahmesoll wollte die Choreografin aus der Künstlerischen Leitung der Schaubühne dezidiert "nicht sprechen - und wenn möglich auch nicht mit Ihnen streiten". Die Bitte Richtung Peymann zielte auf das Zahlenwerk, das dieser vor wenigen Tagen auf seiner Jahrespressekonferenz ausgebreitet hatte, nicht ohne die anderen Berliner Theater damit indirekt einer schlechteren Platzauslastung und weniger glänzenden Haushaltsführung zu zeihen. In einem Anfall von sonntäglichem Harmoniebedürfnis erfüllte der sonst so konkurrenzbewusste BE-Intendant den Wunsch der Choreografin, deren Arbeiten er "bewundert", wie er auf Nachfrage des Moderators gerne gestand. Dieser, der theatervernarrte Industrielle Heinz Dürr, mühte sich vergebens, die Künstler zu einem Streit zu animieren. Man tauschte Höflichkeiten aus und versicherte sich, bei allen generationsbedingten Unterschieden, des gegenseitigen Respekts.

Häme für die üblichen Verdächtigen

Dabei hätten die Chancen für einen Streit nicht schlecht gestanden. Zu Beginn seiner BE-Intendanz empörte sich Peymann gerne darüber, dass an anderen Berliner Bühnen Choreografen wie Kresnik oder eben Sasha Waltz eigene Tanzensembles etabliert haben. Damals hielt Peymann diese Durchmischung der Sparten einerseits für eine Bedrohung des literaturgeprägten Sprechtheaters, andererseits für eine "vorübergehende Irritation". Ganz so selbstgewiss werden inzwischen keine schlechten Noten mehr an vom BE-Stil abweichende Theaterformen verteilt. Auch über die Person des sonntäglichen Moderators hatte Peymann bei seiner ersten BE-Pressekonferenz vor neun Monaten eine deutliche Meinung: "Dürr hat doch keine Ahnung von Theater", gab er damals zu Protokoll. Von solchen Freundlichkeiten blieben die Anwesenden diesmal verschont.

Dafür bekamen die üblichen Verdächtigen ihre Dosis Häme ab. Man war sich einig darüber, dass Kulturpolitiker ("liebenswerte Narren"), Theaterkritiker und überhaupt "die Medien" nichts als Schädlinge an der Kunst, wenn nicht Schlimmeres sind. Ansätze eines Erfahrungsaustausches zwischen dem jungen und dem älteren Theaterstar machten sich an dieser zunächst oberflächlich-routinierten Kritikerschelte fest. "Glauben Sie den Journalisten nicht, die sie jetzt feiern", warnte der leidgeprüfte Peymann. Waltz hoffte, dass Kritiker nicht nur zynisch und ungeduldig über einzelne, gelungene oder missratene Inszenierungen urteilen, sondern versuchten, sich auf die Entwicklungen einer Künstlerbiografie einzulassen. Ein besonders unangenehmes Symptom der aufgeregten Zeitgeistpresse sah Waltz im grassierenden "Personenkult", der nur die Prominenz des Stars ausbeutet, ein Phänomen, mit dem Peymann möglicherweise nicht ganz so große Schwierigkeiten hat. Hinter allen flotten Verbalinjurien Peymanns, für den Journalisten schlicht "Ratten" sind, wurde sichtbar, als wie kontraproduktiv beide Künstler die Ungeduld einer Kritik erleben, die dazu neigt, Theater nach wenigen verunglückten Produktionen abzuschreiben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben