Kultur : Kundenorientierung am Nil

THOMAS VESER

In keinem anderen Bezirk Kairos gibt es so viele Kinder unter 13 Jahren wie in Zaytoun. Nach interessanten pädagogischen Angeboten sucht man hier indessen vergeblich. Nun hat unlängst die Bertelsmann-Stiftung, Deutschlands größte gemeinnützige Stiftung, in Zaytoun eine Stadtteilbibliothek eröffnet. Welche Bedeutung dem zukommt, zeigt eine Unesco-Studie, derzufolge mehr als die Hälfte aller Ägypter nicht lesen und schreiben können. Obwohl Präsident Mubarak die vergangenen zehn Jahre zur "Dekade des Kampfes gegen das Analphabetentum" erklärt und die Alphabetisierung der 15- bis 35jährigen zum vorrangigen Staatsziel erklärt hatte, ist der Anteil der Lesekundigen noch nicht im erhofften Maße gestiegen. Zudem haben sich seit der Aufhebung der staatlichen Buchpreisbindung Bücher empfindlich verteuert. Ärmere Ägypter sind deshalb mehr und mehr auf Leihbibliotheken angewiesen.

Als Vorbild für die neue Stadtteilbibliothek diente die "Mubarak Public Library" (MPL), ein Gemeinschaftsprojekt der deutschen Stiftung mit dem ägyptischen Kulturministerium und der "Integrated Care Society" unter Schirmherrschaft der Präsidentengattin Suzanne Mubarak. Mit der MPL wollte Bertelsmann-Stiftungsgründer Reinhard Mohn ein Modell für den arabischen Raum schaffen. In der Villa am Nil gelten betriebswirtschaftliche Grundsätze, wie sie die Stiftung für Büchereien allerorten entwickelt und unter anderem in Gütersloh, aber auch in Spanien zur Anwednung gebracht hat. "Leistung soll meßbar gemacht werden", ist das Credo Reinhard Mohns, für Bibliotheken wie für öffentliche Einrichtungen im allgemeinen. Jährlich gibt man deshalb "Leistungszahlen" vor. Um die zu erreichen, befragen die Bibliothekare Besucher nach Wünschen und Anregungen. Schon jetzt hat sich die einladende Gestaltung der MPL ausgezahlt: Die Zahl der Benutzer stieg seit 1995 von 7000 auf 17 000, und es wird heute acht Mal so viel entliehen wie zu Beginn.

Mit ihrem Ansatz bildet Mohns Vorzeigebibliothek eine exotische Ausnahme. Allein schon der Begriff "kundenorientiert", der sich nur mühsam ins Arabische übertragen läßt, macht viele Ägypter ratlos. Wer herkömmliche Bibliotheken benutzt, braucht viel Zeit und gute Nerven. Bis bestellte Titel eintreffen, dauert es Stunden, ohne daß man in jedem Falle die richtigen Bücher erhält. Kärglich entlohnt und nicht angemessen geschult, beschränkt sich das Riesenheer der Angestellten darauf, akribisch die Zahl der erlaubten Kopien zu überprüfen. Das Ziel der MLP, "mit möglichst wenig Kapital so viele Leser wie möglich zu gewinnen", mußte den Einheimischen entsprechend rätselhaft vorkommen. Zwar priesen die ägyptischen Partner die neue Bibliothek bei ihrer Gründung als "Leuchtturm der nationalen Kultur"; daß sie sich längere Zeit behaupten könne, wollte jedoch kaum jemand glauben. Und als Bibliotheksleiterin Hala Sherif die Zahl der Angestellten, die regelmäßig fortgebildet und weit über dem Landesdurchschnitt entlohnt werden, auf 38 begrenzte, habe sie das bares Entsetzen ausgelöst, erinnert sie sich. Für eine Bibliothek mit 2600 Quadratmetern Fläche seien das doch entschieden zu wenig Arbeitskräfte.

Paradoxerweise sind Ägyptens öffentliche Bibliotheken gar nicht vorrangig für die Allgemeinheit bestimmt - ein weiterer Stolperstein für die Bertelsmänner: Die meisten Benutzer fahnden nach wissenschaftlicher Fachliteratur, die sie in den mangelhaft ausgestatteten Universitätsbibliotheken nicht finden. Je mehr Spezialliteratur - etwa zu Medizin, Technik oder Kunstgeschichte - eine Leihbücherei vorweisen kann, desto höher ihr Ansehen. Weil die MPL damit nicht dienen konnte, entwickelte sich der Begriff "kundenorientiert" zum Synonym für ein denkbar niedriges Niveau.

Dennoch will die MPL auch in Zukunft nicht den Lückenbüßer spielen. Statt dessen soll sämtlichen Bevölkerungs- und Altersgruppen, vor allem Jugendlichen und Kindern, ein breites Angebot zugänglich gemacht werden. Nach diesem Muster, so hofft die Chefbibliothekarin, wird die Filiale in Zaytoun jungen Ägyptern aus ärmeren Verhältnissen den Zugang zur Literatur erleichtern. Dasselbe Ziel verfolgt Suzanne Mubarak, die 1992 die Gütersloher gebeten hatte, eine erste Bibliothek auf ägyptischem Boden zu gründen. "Wie eine solche Bibliothek effizient verwaltet werden kann, ist nicht etwa eine Kunst, sondern eine Wissenschaft. Und die kann man erlernen."

Den Vorwurf, mit seinem Konzept Kulturexport zu betreiben, läßt Reinhard Mohn nicht gelten: Der größte Teil der Medien sei in arabischer Sprache verfügbar; außerdem seien Ägypter an der Verwaltung beteiligt. Und als großzügiges Geschenk dürfe man seine zwei Modellbüchereien schon gar nicht mißverstehen. Ende des Jahres ist die Fördersumme von neun Millionen Mark, in der auch Lohn- und Betriebskosten enthalten sind, aufgebraucht. Danach muß das ägyptische Kulturministerium die Finanzierung sicherstellen. Der gegenwärtig dafür betriebene bürokratische Aufwand läßt Skeptiker Schlimmes befürchten; und ob Kulturminister Farouk Hosny für die Entwicklung des Büchereiwesens überhaupt genügend Geld und ein schlüssiges Konzept vorweisen kann, ist fraglich. Obwohl für Bildung lediglich sechs Prozent des Budgets vorgesehen sind, will Hosny, selbst Maler und Bildhauer, sein Land mit "Tausenden von Bibliotheken" beglücken. Die imposanten Paläste aus Marmor und Stahl, die er in einigen Dörfern errichten ließ, gehen mit ihrem Buchangebot an den Bedürfnissen der Landbevölkerung allerdings völlig vorbei.

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