Kultur : Kunst am Grill

Jüdische Mädchenschule wird Galeriehaus

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Die Butterbrote kamen von gegenüber, aus dem Café der me collection. Schließlich steht in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule bislang nicht einmal ein Kühlschrank, aus dem sich die Betreiber des Grill Royal bedienen könnten. Das wird sich ändern, und zwar bald, ließen Stephan Landwehr, Jessica Paul und Boris Radczun wissen. Sie übernehmen das Erdgeschoss des historischen Gebäudes an der Auguststraße für eine zusätzliche Gastronomie. Und wie verhält es sich mit den übrigen Geschossen?

Bei soviel royaler manpower auf dem Podium konnte man fast vergessen, dass es gestern eigentlich um den Mann in der Mitte ging. Um Michael Fuchs, geschäftsführender Gesellschafter der Galerie Haas & Fuchs in Berlin und lange mit einer Dependance in New York beheimatet. Nun kehrt der Galerist mit einem ehrgeizigen Konzept zurück: Die alte Jüdische Mädchenschule wird ein neuer Kunst- und Kulturstandort mit Studios, Buchladen und Bar. Neben Fuchs, der dort feste Räume unterhalten wird, können sich Künstler und andere Galeristen für temporäre Projekte einmieten. Der Vertrag mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist seit Anfang Januar 2011 unterschrieben, als Bauzeit wird ein Jahr veranschlagt, die Sanierung übernimmt mit Grüntuch Ernst ein progressives Architekturbüro. Danach soll das Haus, das zuletzt während der 4. Berlin Biennale 2006 öffentlich zugänglich war, eine neue, attraktive Adresse auf der ehemaligen Galerienmeile bieten, die bereits auszubluten drohte.

Auf 20 Jahre Mietzeit hat man sich mit dem Vorstand der jüdischen Gemeinde geeinigt, danach können sich die Vermieter entscheiden: Umbau und Sanierung finden so behutsam statt, dass sich schnell wieder eine Schule daraus machen lässt. Andernfalls dürfen Fuchs & Co. die Räumlichkeiten optional zehn weitere Jahre nutzen.

Die Idee klingt vielversprechend, selbst wenn man angesichts der enormen privaten Investitionen – allein für den Umbau der 3000 Quadratmeter sind knapp vier Millionen Euro kalkuliert – kaum damit rechnen kann, dass hier je wieder ein nichtkommerzielles Projekt Unterschlupf findet. Berlin ist nicht länger Experimentierstätte, sondern verspricht Rendite. Die steigenden Mieten auch für Ateliers und Galerien sind ebenfalls ein Indiz für einen Prozess, der sich nicht umkehren lässt. Dass die Resonanz auf das Projekt während der Pressekonferenz geteilt ausfiel, hatte andere Gründe. Zum einen an der Situation des Fotoforums C/O Berlin, das sich ebenfalls um die Immobilie bemüht und über Monate ein Konzept erarbeitet hatte. „Ohne zu wissen, dass es einen Mitbewerber mit weit kommerzielleren Interessen gibt“, erklärt C/O-Leiter Stephan Erfurt. „Hätte man uns davon in Kenntnis gesetzt, hätte auch unser Konzept anders ausgesehen.“

Das Fotoforum fühlt sich nun ausgebootet und hat dies in zahlreichen Erklärungen formuliert. Genug, um Jochen Palenker auf dem Podium zum Schäumen zu bringen. C/O Berlin führe sich auf „wie ein enttäuschter Liebhaber“, ließ das Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde wissen. Man habe von Anfang „mit offenen Karten“ gespielt und wolle von den Zankereien nichts wissen. Zur Vorbeugung ließ man die Vertreter von C/O Berlin zu „unerwünschten Personen“ erklären und schloss sie von der Veranstaltung aus. Ein offenes Haus sieht anders aus. Christiane Meixner

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