Kunst auf Papier : Rote Liebe

„Höhere Wesen befehlen“: Die Berliner Deutsche Bank Kunsthalle zeigt erlesene Papierarbeiten aus der Sammlung des Verlegersohnes Frieder Burda. Das Motto stammt von Sigmar Polke, von dem - neben Gerhard Richter, Willem de Kooning, Georg Baselitz und Neo Rauch - einige herausragende Blätter zu sehen sind.

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Alles fließt. „10. 4. 88“, ein Aquarell von Gerhard Richter, entstanden 1988 (Ausschnitt).
Alles fließt. „10. 4. 88“, ein Aquarell von Gerhard Richter, entstanden 1988 (Ausschnitt).Foto: (c) Gerhard Richter 2014

Das muss gepiekst haben. Selten manifestiert sich Künstlereifersucht so offen wie in den bissigen Blättern von Sigmar Polke. Spitz kommentiert er 1965 die frühe Omnipräsenz und Marktmacht seines Freundes Gerhard Richter: „Ihr Friseur-Richter“, „Schlankheit durch Richter“ oder „Richter – ab September ständig im Kino“. Dabei degradiert er den Künstler und Konkurrenten zum Dienstleister. Kalte Rache spricht aus den Zeichnungen. Zuvor hatte Sigmar Polke bei einer gemeinsamen Ausstellung von Gerhard Richter und Konrad Lueg nicht mitmachen dürfen.

Jetzt hängen Polkes spöttische Blätter gegenüber den Aquarellen des Rivalen. Zum zehnjährigen Jubiläum des Museums Frieder Burda in Baden-Baden zeigt die Deutsche-Bank-Kunsthalle in Berlin einen bisher unbekannten Teil der Sammlung, die Arbeiten auf Papier. „Ich komme von der Farbe“, sagt der Verlegersohn Frieder Burda. Eine rote Leinwand – von Lucio Fontana zerschlitzt – berührte ihn 1968 so sehr, dass er Kunst zu sammeln begann. 2004 ließ Burda in der Baden-Badener Parklandschaft vom amerikanischen Architekten Richard Meier ein Museum für seine rund tausend Werke umfassende Sammlung errichten.

Wie sicher Frieder Burda in seiner Wahl ist, lässt sich in der Ausstellung erkennen. Den Papierarbeiten der vorgestellten Künstler ist jeweils ein Gemälde vorangestellt. Da fungieren die Zeichnungen wie Fenster ins Innere des Werkes. Sie erlauben Einblicke in unkontrollierte Bewusstseinsströme. Anders als auf der Leinwand kann auf Papier nicht beliebig korrigiert werden. Deshalb erfordern die Zeichnungen den Mut zum Unfertigen. Das führt zu aparten Erkenntnissen.

Von Neo Rauch besitzt Frieder Burda nicht etwa eins der späten, illustrativen Historienbilder, für die der Leipziger bekannt wurde. Stattdessen hat er eine frühe bronzefarbene Abstraktion gekauft, die mit informeller Malerei experimentiert. Den Zeichnungen von 1994/95 sieht man noch diese Unbefangenheit der frühen Jahre an. Später verkrampft sich der Strich zu ehrgeizigem Pathos. Der Perfektionist Gerhard Richter duckt sich in einem grauen Gemälde hinter Nebelbänken weg, verweigert sich und schweigt. Seine transparenten Aquarelle dagegen öffnen sich dem Betrachter und treten in einen munteren Dialog.

Und Georg Baselitz, der inzwischen mit der Kettensäge Baumstämme bearbeitet, kann sich im kleinen Format von der anstrengenden Berserkerwut erholen. Nur sein 2010 verstorbener Altersgenosse Sigmar Polke, der auch für das große Format die Leinwand verlässt und offensiv Unfertigkeit vertritt, bleibt stets der gleiche freche, fröhliche Geist. Von ihm ist auch der Ausstellungstitel entlehnt: „… Höhere Wesen befehlen“. Er bezeichnet eine verspielte, musikalische Serie von Polkes Zeichnungen – in ihrem farbigen Rhythmus der Höhepunkt der Ausstellung.

Richter, Polke und Baselitz gehören zur ersten Generation deutscher Künstler, die nach dem Krieg international Aufmerksamkeit erregt haben. Im Rückblick tritt selbst in dieser kleinen Auswahl die Verunsicherung des komplexbeladenen Landes zu Tage. Mit Ausnahme von Willem de Kooning, eines Amerikaners mit niederländischen Wurzeln, ist in den Biografien der Künstler der Nachhall von Krieg und deutscher Teilung zu spüren. Baselitz und Richter kamen aus Sachsen nach Düsseldorf, Polke aus Niederschlesien über Thüringen. Der Leipziger Neo Rauch wurde nach der Wiedervereinigung zum Star. Arnulf Rainer, ein Österreicher, reagiert auf seine Selbstzweifel, indem er stellvertretend für alle Künstler ein Porträt von Vincent van Gogh unter schwarzer Farbe auslöscht.

Frieder Burda interessiert sich für Kunst, die in die Tiefen der Psyche und der kollektiven Geschichte vordringt. Von einer „Zerrissenheit des Menschenbildes“ spricht der Ausstellungstext. Vielleicht handelt es sich aber nur um die Zerrissenheit des Männerbildes. Burda sammelt ganze Kerle, die künstlerisch gern auf den Tisch hauen. Allerdings offenbart die Gruppenausstellung mit 113 Papierarbeiten auch die dramaturgischen Schwächen einer solchen reinen Männerrunde. Was fehlt, ist die Spannung zwischen weiblichem und männlichem Blick.

„… Höhere Wesen befehlen.“ Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Frieder Burda. Deutsche-Bank-Kunsthalle, Unter den Linden 13/15. Bis 8. März, täglich 10 bis 20 Uhr.

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