Kultur : Kunst der Erinnerung

Die Rückkehr des Nobelpreisträgers Imre Kertész: Verleihung der Goethe-Medaillen 2004 in Weimar

Rüdiger Schaper

„In der Nähe unseres Lagers liegt – wie ich erfahre – eine bildungsmäßig gesehen namhafte Stadt, Weimar, deren Ruhm zu Hause auch schon Lernstoff gewesen war...“. Das Lager, von dem Imre Kertész spricht im „Roman eines Schicksallosen“ hieß Buchenwald, und der ungarische Literaturnobelpreisträger erinnert sich an dieser Stelle an ein deutsches Gedicht, das anhebt „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“. Den Namen Goethes nennt Kertész hier nicht, er versteht sich von selbst: das schrecklich-makabre, janusköpfige Weimar, Hort deutscher Klassik und Ort eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers.

Als Vierzehnjähriger wurde Kertész nach Auschwitz und Buchenwald verschleppt. Und sechs Jahrzehnte später nimmt er im Weimarer Residenzschloss die Goethe-Medaille in Empfang; sie wird traditionell am 22. März, Goethes Todestag, verliehen. Laudator Avi Primor, früherer Botschafter Israels in Deutschland, erwähnte mit leiser Ironie, dass Kertész am 9. November, „einem für Deutschland schicksalhaften Tag“, geboren sei. Und dass er nach der Befreiung durch die Amerikaner in einer „weiteren Diktatur“ gelebt habe, im kommunistischen Ungarn. Primors Rede, gut gelaunt und fröhlich ausschweifend, suchte nach Parallelen im Leben von Goethe und Kertész. Beide, so fand er, hätten sich vom „Düsteren zur Hoffnung hin“ entwickelt. Nur dass Goethe weder den Nobelpreis noch die Goethe-Medaille bekam.

Goethe und Grips

Fünf Preisträger hat das Goethe-Institut in diesem Jahr erwählt und gefeiert, eine ungewöhnlich große Zahl. Doch von keinem der fünf Herren könnte man sagen, er habe die Auszeichnung weniger verdient. Die Reihe der Geehrten wie auch der Laudatoren war eindrucksvoll und reflektiert die Vielfältigkeit, die Goethe selbst zum ewigen Faszinosum mache, bemerkte Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts. Ein wenig darf sich das Goethe-Institut mit diesem Medaillen-Segen auch selbst feiern. Denn die Preisträger aus Europa, den USA, Brasilien und Indien haben vieles gemeinsam mit den Goethe-Außenstellen vollbracht. Und diese international weit vernetzte Arbeit ist durch Sparpläne des Auswärtigen Amts bedroht.

In Weimar eine Rede zu halten – zumal anlässlich der Verleihung der Goethe-Medaillen –, ohne Goethe zu erwähnen, scheint eine kaum lösbare Aufgabe zu sein. Der indische Schauspieler und Arzt Mohan Agashe bezeichnete in seiner Dankesrede Goethe „als Inbegriff deutscher Kultur“, um noch im gleichen Atemzug auf Brecht und das Grips-Theater zu kommen. Agashe hat in jahrzehntelanger Arbeit dafür gesorgt, dass die Stücke und die Theatermethode des Berliner Grips-Theaters auf dem Subkontinent zu einer festen Größe geworden sind, zu einem einmaligen Phänomen kulturellen Transfers. Vorher gab es in Indien überhaupt kein Kinder- und Jugendtheater, jedenfalls keines, das sich mit familiären, ethnischen und religiösen Konflikten beschäftigte.

War Grips-Gründer Volker Ludwigs Laudatio auf Mohan Agashe die persönlichste, so war die Ansprache von Viadrina-Präsidentin Gesine Schwan, die den Goethe-Preisträger Anatoli A. Michailow aus Belarus vorstellte, die politischste. Der Philosoph Michailow leitet in Minsk die Europäische Humanistische Universität. Weißrussland ist ein diktatorischer Staat, jüngst wurde Michailow wieder der Rücktritt nahe gelegt. Der Vorwürfe gegen Michailow klingen – für eine Bildungseinrichtung – so bedrohlich wie absurd: Er sei zu international eingestellt. Aus Michailows Vita könne man studieren, „dass internationaler Austausch auch unter ideologisch ungünstigen Bedingungen den Geist derer beflügelt, die von sich aus Neugier, Beharrlichkeit und Kreativität mitbringen“. Und: „Michailows ganzes Streben geht dahin, der Jugend seines Landes die Tür in die Zukunft so weit wir nur irgend möglich zu öffnen“, sagte Gesine Schwan, die mit ihrer Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten souverän umgeht.

Goethe ohne Goethe? Der Germanist (und Broch-Spezialist) Paul Michael Lützeler hat es erst gar nicht versucht. Er ist Direktor des „Max Kade Center for Contemporary German Literature“; er nennt es „Weimar am Mississippi“. „Wo ich mich bilde, da ist mein Vaterland“, zitierte Lützeler den Weimarer Patron, während der brasilianische Politiker, Autor und Walter-Benjamin-Übersetzer Sergio Paulo Rouanet Goethe als wegweisend für unser Dilemma empfindet, das der Zivilisation und Kultur zwischen globalen und partikularen Interessen; so wie Goethe oszillierte zwischen dem winzigen Weimar und der weiten Welt.

Die Festrede hielt Sigrid Löffler, ohne wohlfeilen Goethe-Bezug. Ihr Thema: Erinnern und Vergessen. Wie funktioniert das Gedächtnis im elektronischen Zeitalter, immer schon im „Kampf zwischen Bewahrungs- und Löschungmächten“? Ihre Kronzeugen: Proust, Borges, Saramago. „Vergangenheit ist eine kulturelle Schöpfung“, mithin Literatur, sagte Löffler mit Blick auf Kertész, der, schicksalhaft-schicksallos, weiß: Man muss alles von Neuem erschaffen, mit dem schöpferischen Gedächtnis – auch das Grauen. Denn, so Imre Kertész, „damit der Schmerz dauert, braucht er seine Requisiten“.

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