Kultur : Kunst: Die zeitlosen Zwei

Ronald Berg

Die nach ihrem Erbauer benannten Höfe in der Neuen Schönhauser Straße 20 sind keine Passage: Man kann in die Kurt Berndt Höfe nicht an einem Ende hinein- und am anderen Ende wieder hinausgehen wie bei den Hackeschen, die Berndt zur gleichen Zeit (1910-12) errichtete. Annibel Cunoldis Installation im Durchgang zum ersten Hinterhof verwandelt die vermeintliche Sackgasse (bis 15. Februar) nun doch in eine Passage, wenn auch in eine ganz besondere. Wie beim Kreuzworträtsel hat Cunoldi auf einem Glas über den quadratischen Mörtelfeldern der abgefallenen Kacheln die beiden Worte "Zeitweg" und "Welt" miteinander verschränkt. Am Buchstaben W kann man in die "Welt" hinaus weiterlesen oder den "Weg" der Zeit zu Ende verfolgen. Man könnte aber ebenso "Zeitwelt" oder "Weltweg" lesen. Dieser Kreuzweg der Worte markiert die Passage zwischen den Zeiten, dem Alten und dem Neuen. Die "Stockwerksfabrik" hat viel erlebt: Textilgewerbe, Papier und Gummiwarenfabrikation, Kaffeerösterei, Buchdruckerei. Joseph Roth schrieb 1914 im ansässigen Café Reese seine "Nächte in Kaschemmen". Im letzten Krieg kaum beschädigt beherbergte der Bau in der DDR ein physikalisches Institut der Humboldt-Universität und ein Laboratorium der Akademie der Wissenschaften. Nach der Wende kamen Künstler als Zwischennutzer und der Tanzclub "toaster". Seit der letzten Renovierung 1999 geht das Haus nun unter der Ägide des Goethe Instituts neuen Zeiten entgegen. Die unter Glas bewahrten Spuren der Vergangenheit, die Cunoldi unter dem Titel "Zeitverstellung" zum Symbol verstärkt hat, erklären die Durchgangspassage zu einem Ort des Eingedenkens: Einzig Bestand hatte der beständige Wechsel.

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