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Kunst : Heiter bewölkt

10.02.2012 17:20 Uhrvon
Himmelsatlas. Blick in den Mies van der Rohe-Bau.Bild vergrößern
Himmelsatlas. Blick in den Mies van der Rohe-Bau. - Foto: SCHROEWIG/Bernd Oertwig

Alle Farben Grau: Gerhard Richters Oeuvre im grandiosen „Panorama“ der Neuen Nationalgalerie. Ein Rundumblick auf das Werk des sowohl bedeutendsten wie auch teuersten deutschen Malers.

Gerhard Richter müsste das freuen. Draußen hat es alle Farben Grau: Granitgrau, Asphaltgrau, Stahlgrau, überzogen von einer Schneedecke Weiß. Dazwischen lugen ein paar Fetzen Buntes hervor, ein Werbeplakat für die Berlinale, ein frecher Schal. Berlin ist Richter-Stadt geworden, plötzlich sieht man sie mit anderen Augen – als abstrakte Komposition. Für die Verkehrung des Blicks sorgt die Neue Nationalgalerie mit ihrer grandiosen Richter-Ausstellung. Sie feiert den großen deutschen Maler mit einer Schau, deren Titel „Panorama“ gleich zu verstehen gibt, dass wir uns in luftigen Höhen befinden.

Dem Künstler wird ein triumphaler Empfang bereitet. Der gläserne Kubus des Mies van der Rohe-Baus zeigt seine Werke wie Edelsteine in einer Schmuckschatulle. Wie Broschen sind die 196 quadratischen Tafeln der modularen Arbeit „4900 Farben“ mit ihren 25 verschiedenfarbigen Emaillequadraten außen auf eine umlaufende Wand gehängt, als Wiederholung des 2500 Quadratmeter großen, quadratischen Grundrisses der Halle im Bildformat. Das Ausstellungshaus schmückt sich vor allem selbst mit dem bedeutendsten lebenden Künstler der Republik. Nicht die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat ihm zum 80. Geburtstag eine Ausstellung geschenkt, sondern umgekehrt der Künstler dem Museum. Das musste auch Generaldirektor Michael Eissenhauer eingestehen, der die gestrige übervolle Pressekonferenz als lässiger Moderator mit den Worten „unglaublich cool, super“ eröffnete.

Auch Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann gab freimütig zu, dass ihm die Worte gefehlt hätten, je mehr Bilder gehängt wurden. Tatsächlich hat man selten das Obergeschoss des van der Rohe-Baus so gelungen für eine Ausstellung hergerichtet gesehen. Raum und Inhalt, Kunst und Architektur ergänzen einander. Richter in dieser Offenheit nach allen Seiten, in dieser multiplen Bezüglichkeit zu sehen, öffnet die Augen nicht nur für sein Werk, sondern für die Malerei schlechthin. Nach der ersten Station in der Londoner Tate Gallery, die sich saalweise einzelnen Themen des Oeuvres widmete, erschließt die jetzige Präsentation das Werk in seiner Gesamtheit: chronologisch in zwei großen Galerien, die bislang separierte Kapitel und Stile auf einer Zeitachse zusammenfügen.

Das erste Bild, der „Tisch“ von 1962, mit dem auch der Catalogue raisonné beginnt, als hätte es den jungen Dresdner Maler nie gegeben, der kurz vor Mauerbau in den Westen ging, führt programmatisch vor, dass der Künstler immer beides zugleich war: gegenständlicher und abstrakter Maler und vor allem ein Liebhaber des Grau, das alle Farben in sich trägt. Den Wohnzimmertisch in Grisaille überdeckt ein grauer Wirbel. Was ist wirklicher, das Abbild oder die Malerei selbst, scheint Richter schon mit diesem ersten Werk zu fragen: Tisch oder Farbe? Vis–à-vis hängt ein Spiegel jüngeren Datums, der diesen Gedanken über die Möglichkeiten des Bildes in anderer Materialität fortführt. Ein fünfzig Jahre währender Reflexionsprozess über Visualität spannt sich zwischen beiden Werken. Die Ausstellung packt den Betrachter nicht nur durch die schiere Zahl, die rund 130 großartigen Bilder, die frühen lakonischen Darstellungen der Konsumwelt, die hinreißenden Familienbildnisse, die elegischen Landschaften, die zugleich nüchternen und verspielten Farbfeldtafeln, die dramatischen abstrakten Kompositionen, sie überzeugt nicht nur durch die kluge Hängung im schönsten Ausstellungshaus der Stadt. Sie beschert das Glück, einen Maler beim Denken begleiten zu können – und eigenen Erkenntnisgewinn.

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