KUNST Stücke : Auf Speed

Jens Hinrichsen berauscht sich an Fotografie und Malerei

Jens Hinrichsen

In der Hölle brennt die Sonne. Die Kinder von Trona, einem Kaff in der kalifornischen Mojawe-Wüste, blinzeln vernebelt an der Kamera des Künstlers Tobias Zielony vorbei. Ein Junge liegt abgewandt, gekrümmt am Rand eines Sportplatzes. Er scheint vom Fahrrad gefallen zu sein. Wie viele Bewohner von Trona selbst süchtig nach „Crystal Meth“ sind, das hier in illegalen Drogenlabors hergestellt wird, liegt im Dunkeln.

Neben seinen Fotos zeigt Zielony Textdokumente aus einer gottverlassenen, vor allem aber vom Staat vergessenen Stadt. Thematische Klammer der Gruppenausstellung „Kristallin“ mit Zielony, Stefan Panhans und Hans-Christian Dany ist das Amphetamin, dem die Monsterdroge Crystal Meth zugeordnet wird. Anlass der Schau in der Galerie Olaf Stüber war das Buch „Speed – Eine Gesellschaft auf Droge“: Darin widmet sich Dany der Geschichte des Amphetamins und seiner Präsenz in heutigen Gesellschaften als „populärer Gebrauchsgegenstand, der viele Namen trägt und in unterschiedlichen Formen auftritt". Früher erhielten Piloten der Wehrmacht und Vietnamkrieger Aufputschmittel, heute werden dem Amphetamin ähnliche Substanzen bei ADS-Kindern eingesetzt. Während der Autor und Künstler die Körperwahrnehmung von Speedkonsumenten im Buch literarisch beschreibt, vermitteln seine Zeichnungen Allmacht und Ohnmacht im Rauschzustand: Puppenhafte Figuren lösen sich in psychedelische Muster auf, Innen und Außen scheinen unentwirrbar verstrickt. Neben diesen Blättern fallen Stefan Panhans’ Fotos von unübersichtlichen Innen- und Außenszenerien eigentlich aus dem Thema (alle Preise auf Anfrage). Es sei denn, man spürt in ihnen, was George Tabori „Die Sucht des Sehens“ nennt (Max-Beer-Straße 25, bis 19. Oktober).



Immer wieder haben Künstler mit Drogen experimentiert. Doch moderne Pillen und Pülverchen sollen eher die Leistung steigern und weniger das Bewusstsein erweitern. Damit sich neue Horizonte eröffnen, genügt ohnehin die Kunst – das beste, weil risikoärmste Opiat. Die Galerie Scheibler Mitte lockt mit dem „Stoff“ des Schotten Neil Gall. Die Anziehungskraft seiner Malerei liegt im Verschnitt von Fotorealismus und Phantasmagorie. Galls Arrangements aus zerknüllter Klarsichtfolie, splitterndem Glas, Stanniolkugeln und Dekoshop-Flitter wirken zunächst wie Fotografien, bis der Nahblick auf eine technisch unerhört raffinierte Malerei stößt.

Daneben sind Collagen und Kleinskulpturen zu sehen, die Gall als Abgüsse von Bildmodellen herstellt: Die mit Klebeband verbundenen Kugeln erinnern ein wenig an Weintrauben auf Stillleben und suggerieren darüber hinaus eine verschwitzt-verzweifelte Körperlichkeit, wie sie auch die Gemälde prägt (3600 bis 44 000 Euro). In seltsamen bis unbehaglichen Farbakkorden erfindet Gall eine dichte, manchmal zugemüllte Welt, in der man sich heillos verirren kann. Kitschige Second-Hand-Gemälde simulieren eine Außenwelt, die mit dicken Lagen Klebeband wieder zugeklebt wird. Wie kein anderes Bild thematisiert das Großformat „Keep it Dark“ (2008) mit seinen gemalten Glasscherben, schwarz glänzendem Tape und grau gespachtelten Dreiecken „konkreter Malerei“ die Zersplitterung der Wirklichkeit in unvereinbare Realitäten. Gall feiert das Blinkende, Knisternde, Faltig-Zerknitterte seiner Materialien als ein Alchimist der Oberflächen (Charlottenstraße 2, bis 18. Oktober).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben