KUNST Stücke : Elementares

Jens Hinrichsen wird in Galerien von Wind und Wasser empfangen

Jens Hinrichsen

Schon Zarah Leander wusste: Der Wind kann so manches Lied erzählen. Ein Lied von damals, als Surrogat der Erinnerung. Simon Dybbroe Møller ist ein hintersinniger Nostalgiker, der sich (auf einem Video) wie ein moderner Troubadour vor der Filmprojektion eines ruinösen Hochhauses postiert und dem Bauwerk ein ironisch-schwermütiges Ständchen bringt. Hier lärmt und knarzt die E-Gitarre, ansonsten dominieren in Møllers Videos und Objekten in der Galerie Kamm leise Töne und konzeptuelle Distanz. Scheinbar unaufwendig gestaltet der Däne Resonanzräume des kulturellen Erinnerns.

So hat Møller unweit der Galerie auch eine Installation für den Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz aufgebaut. Sehen kann man sie allerdings nur, wenn es dunkel ist – dann werden die Passanten zu Projektionsflächen, über deren Körper flüchtige Bilder gleiten, auf denen ein Magier Gegenstände verschwinden lässt.

In der Galerie erweist Møller einer Performance seine Reverenz, in der Bruce Naumann Violine spielte: Zwei Windspiele bestehen aus abgebrochenen, klingenden Glasröhren, deren Notenwerte die Worte „Dead“ und „Baggage“ bilden. Jenseitslieder, die nur bei kräftigem Wind erklingen können: Der dänische Künstler lässt den Scirocco und den genauso trockenen amerikanischen Wüstenwind Santa Ana durch die Galerieräume fegen – freilich nur symbolisch: Das Modell einer kalifornischen Außenskulptur hält die Eingangstür geöffnet, ein Fensterspalt bleibt dank eines venezianischen Souvenirlöffels offen, zwecks Durchzug. Weltabschiedsmelancholie weht herein, und man erinnert sich an Thomas Manns „Tod in Venedig“, den die Cholera brachte. Schuld war der Scirocco (Rosa-Luxemburg-Straße 45, bis 23. Juni, Preise auf Anfrage).



Anita Ekberg würde vor dem heißen Wüstenwind nach Rom fliehen und sich lebenshungrig in den Trevi-Brunnen stürzen. In der Galerie Johann König scheint das auch möglich. Jeppe Hein hat einen „Triangular Water Pavilion“ mit dreieckigem Grundriss gebaut (135 000 Euro). Hinein kann nur derjenige, der eine Mauer aus aufspritzenden Wasserfontänen zu durchschreiten wagt. Nur Mut, denn dank innen und außen montierter Bewegungsmelder weicht der Wasservorhang, sobald man sich ihm nähert. Danach schließt er aufsprudelnd hinter dem Eindringling, der sich für Schrecksekunden im Jeppe-Hein-Dreieck gefangen wähnt. Wie Møller stammt der Künstler aus Dänemark und bekennt sich zur Konzeptkunst der sechziger Jahre. Anders als sein Landsmann setzt Hein sein Publikum wie aktuell in der Hannoveraner „Made in Germany“-Ausstellung allerdings gern „handfesten“ Sensationen aus. Nicht nur das Denken wird angestoßen, auch die Sinne sollen rotieren. Eine Spiegelpyramide dreht sich bei Johann König an der Wand, zeigt mit der Spitze zum Betrachter. Wände, Boden, Galeriedecke – alles dreht sich gegeneinander, Schwindelgefühle sind garantiert (30 000 Euro). Nur die kalte Dusche im Pavillon bleibt aus, weil die Bewegungsmelder immer ein bisschen schneller sind. Aber auch die feuchte Brise erfrischt den Geist (Dessauer Straße 6, bis 7. Juli).

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