KUNST Stücke : Glückliche Inseln

Simone Reber

Wie lebt es sich auf den Inseln mit den glücklichsten Menschen der Welt, wollte der auf Rügen geborene Künstler Sven Johne wissen. Er gab deshalb eine Anzeige in der Tageszeitung des südpazifischen Inselstaates Vanuatu auf, in dem laut der britischen New Economies Foundation die zufriedensten Menschen leben. Nur fünf von ihnen antworteten. Willie Sacksack etwa mailte, er halte sein Leben für „ganz normal“. Vielleicht fühlt sich so das Glück an, wenn alles ganz normal scheint. Johne hat nun winzige Abbildungen von 52 der 83 Inseln gerahmt und in die Galerie Klemm''s (Brunnenstraße 7) gehängt. Türkisfarbenes Meer, weißer Sandstrand, grüne Palmen. Das Glück ist billig zu haben, 400 Euro kostet ein Bild, aber der Künstler rationiert die Zuteilung. Niemand darf mehr als ein Inselfoto erwerben. Mit der Entdeckung dieser glücklichen Inseln betritt Johne Neuland. Bislang galten Schiffbruch und Untergang, das Sterben der Sehnsucht als seine Domäne. Johne hat in Leipzig bei Timm Rautert Fotografie studiert. Seine Arbeit lässt als Rätsel im Raum stehen, ob sie investigativ oder fiktiv ist. Während eines New-York-Stipendiums traf er einen Mann, der die unterirdischen Lebensräume der Stadt erkundet: die Gänge und lichtlosen Schlupfwinkel der sogenannten Maulwurfmenschen. Für eine andere Serie hat er Hilferufe als Flaschenpost ins Meer geworfen – mit Platz für Notizen, sollten die SOS-Signale aus Amerika in Europa stranden. Mag seine Kunst auch vom Kentern und Sinken handeln, Johne ist definitiv im Auftrieb (bis 20. Dezember).

Ein Luftballon bewahrt das Buddelschiff von Christof Zwiener vor dem Sinken. Kerzengerade steigt der Bindfaden vom Schiff zum Ballon auf und entscheidet als feine Linie über den Untergang. „Follow the line“ – es lohnt sich, den Hinweisschildern bis in den verwinkelten Hinterhof der Zimmerstraße 90/91 zu folgen. Elly Brose-Eiermann hat in diesem Monat ihre Galerie Büro für Kunst von Dresden nach Berlin verlegt. Die Spannung ihrer Ausstellung ergibt sich daraus, dass die Linie ihre Grenzen überwindet: Ein Wasserfall aus farbigen Klebebändern von der polnischen Künstlerin Monika Grzymala sprüht seine Schnipsel in den Raum. Brigitte Schacke zeichnet filigrane Gespinste mit Draht. Der jüngst verstorbene Schweizer Künstler Ueli Berger behauptet die Unendlichkeit der Linie, indem er die Gummidichtung von Autoscheiben zu eleganten Kurven windet. So rückt auch diese Ausstellung Unscheinbares ins Blickfeld und macht eine Randexistenz zum Mittelpunkt: die Linie (bis 10. Januar, vom 20.12.–4.1. geschlossen).

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