KUNST Stücke : Im Gebüsch

Julia Brodauf

Drei Künstler, zwei Ausstellungen, ein Jahrgang. Und eine Straße: Die Frühlingssonne glänzt in den Kacheln der Sozialpaläste der Karl-Marx-Allee, auf dem Mittelstreifen blüht es vereinzelt. Auch in der Galerie Wagner und Partner (Karl-MarxAllee 87, bis 2. Mai) gibt es Natur, hier sprießt es ebenfalls, vor allem aber wuchert es. Dabei ist von Frühlingsfarben keine Spur: Die beiden Künstler Claas Gutsche und Sebastian Nebe, die jüngsten Neuzugänge der Galerie, tauchen ihr Naturbild in tiefes Schwarz und kasernieren es mit einem übermannshohen, schwarzen Zaun. An ihm lehnt hier und dort ein trockenes Pflänzlein. Näheres Hinsehen enthüllt, dass es sich um filigranste Bronzeabgüsse von Scharfgarbe, Gartenrose oder kompletten, verästelten Vogelnestern handelt (1700–2800 Euro).

Die Kleinskulpturen stammen von Claas Gutsche, Jahrgang 1982, Absolvent des Londoner Royal College, der auch in seinen Papierarbeiten und Bildern auf feinteilige Kunstfertigkeit setzt: Gutsches Landschaften, in denen dunkle Gebüschsilhouetten vor Lichtungen stehen, sind zart gearbeitete Linol- oder Holzschnitte. Das wirkt merkwürdig monumental und ein bisschen aus der Zeit gefallen. Doch wer den Blick in das Geäst versenkt, der findet überall menschliche Spuren: Kopfhörer beispielsweise, die im Geäst baumeln. Beim gleichaltrigen Sebastian Nebe, der letztes Jahr an der HfB in Leipzig abschloss, assoziiert man ebenfalls eine andere Epoche. Seine Landschaftsgemälde in Öl auf Papier lösen Bäume in harte Schwarz-Weiß-Schattierungen auf. Dahinter glimmt ein sanft leuchtender Himmel aus Pinselstrichen. In der laufenden Ausstellung zeigt er große Landschaften aus behauenen Steinen, quasi ein Eismeer aus Geröll (jeweils 8000 Euro).

Ein paar hundert Meter weiter die Straße hinab findet sich noch mehr Natur hinterm Galeriefenster: Bei Capitain Petzel (Karl-Marx-Allee 45, bis 17.4.) dümpeln zwei Goldfische in einem Aquarium und illustrieren eine über Kopfhörer laufende Sprechperformance des britischen Performance-Künstlers Tris Vonna-Michell. Auch er ist Jahrgang 1982 und wurde an der Glasgow School of Art und der Frankfurter Staedelschule ausgebildet. Vonna-Michell hat in den letzten Jahren während unzähliger Ausstellungen und Performances die Zuschauer mit seinen schnellen, komplexen Erzählwerken fasziniert.

In der Ausstellung werden diese Geschichten und die dazu gehörenden, schnappschussartigen Bilder in Dia-Karrusellen und Tonbändern präsentiert, im Bauch der Caramate-Projektoren oder auch eingebettet unter Glas in schicken Objekt-Tischen. So polstert der Galerieraum die Arbeiten mit seiner eigenen Sakralität, die die hastige Sprechgeschwindigkeit, für die der Künstler so bekannt ist, merkwürdig seziert. Sein Humor scheint durch, wenn er dem Besucher nach dem langen Weg durch den Ausstellungsraum am Fuße zweier Treppen mit dem Dia eines hohen Treppenhauses empfängt. Dennoch wirkt der mit Charisma, Spontaneität und Nähe zum Publikum arbeitende Künstler in dieser Inszenierung wie eingesperrt. Dagegen sträubt sich immerhin sein Goldfischglas: Es setzt Algen an.

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