KUNST Stücke : Knall im All

Jens Hinrichsen fühlt sich in den Galerien fast wie im Kino

Jens Hinrichsen

Ganz schön schweinisch, was bei Alfred Hitchcocks „Über den Dächern von Nizza“ passierte: Cary Grant und Grace Kelly küssten sich, parallel dazu entlud sich ein Feuerwerk in den Nachthimmel: Purer Porno für Hollywood anno 1955. Heute ist die Leuchtraketen-Metapher für Liebe, Sex und Leidenschaft zum Klischee erstarrt, und wenn eine aktuelle Videoarbeit damit beginnt, können wir uns den Titel „You love me?" (2008) fast selbst zusammenreimen. Aber gerade um Stereotypen und Verhaltensmuster dreht sich die Kunst der 1971 geborenen Peggy Buth. So hinterfragt sie in der Galerie Klemm’s mit der Fotoserie „Finger it Out“ die Behauptung von US-Wissenschaftlern, sie könnten die sexuelle Orientierung ihrer Probanden an deren Fingern ablesen. Und auch die Paare in jenem Video scheinen sich dauernd vergewissern zu müssen, dass mit ihnen alles in Ordnung ist: „Liebst Du mich?“, so beginnt der Dialog. „Warum fragst Du?“ – „Liebst Du mich?“ – „Selbstverständlich!“ Nachgesprochen werden die Sätze aus Filmen von Godard, Polanski und Antonioni von Laiendarstellern. Doch statt ihrer Gesichter sehen wir leere Schiffskabinen, Warteräume oder eine Hand, die Fotos von Sonnenuntergängen sortiert. Einmal stößt auch ein B-Movie-Superheld mit einer Mondrakete zusammen. Knall im All. Allein das 20-minütige Werk, aus allzu vielen (Kino-)Quellen kompiliert, will nicht recht zünden. Es ist Peggy Buths erste Videoarbeit. Ihr Material hätte für die kommenden vier auch noch gereicht (Brunnenstraße 7, bis 10. Mai).



In der Galerie Olaf Stüber ist ebenfalls Videokunst zu sehen, auch hier fürchtet man zeitweise den multimedialen Overkill. Stüber zeigt vier Videoarbeiten, getrennt in Kabinen, aber Dialoge, Geräusche und Musiken überlappen sich. Das kostet Konzentration und entbehrt doch nicht einer gewissen Konsequenz, denn bei Keren Cytter und Knut Klaßen stehen wiederum Paarsituationen im Vordergrund. Muss es da nicht zu Reibereien kommen? Im Fall von „Something Happened“ (2007) spielt Keren Cytter (1977 geboren) virtuos mit Motiven des Film Noir. Eine Frau erschießt ihren Geliebten und gibt sich dann selbst die Kugel. Durch Wiederholungen, Verzögerungen und Off-Kommentare sät Cytter Zweifel an der Folgerichtigkeit der Aktion. Was war zuerst: das Eifersuchtsmotiv oder der Mord? Sind Gefühle bloß Konstruktionen? Auf vergleichbare Weise greift bei Knut Klaßen (Jahrgang 1967) Authentisches und Künstliches ineinander. Klaßen, der auch im Bereich Performance und Schauspiel arbeitet, kombiniert Aufführungen, Probenszenen und Reflexionen seiner Darsteller miteinander, wobei unklar bleibt, was unmittelbar aus dem Bauch kommt und was vielleicht doch im Script stand. Der 20-Minüter „Lis“ beginnt im Auto: „Du gibst Vollgas, ich werde in den Sitz gedrückt“, singt die Beifahrerin und beschreibt damit ein unkonventionelles Paar. Aber es muss in Liebesszenen ja nicht immer geküsst werden (Max-Beer-Straße 25, bis 2. Mai).

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