KUNST Stücke : Milde Wilde

Michaela Nolte

Die Ausstellung habe ihm Kraft gegeben, sagt Georg Nothelfer. Gerade in diesen ungewissen Zeiten und angesichts der depressiven Stimmung auf dem Kunstmarkt. Tatsächlich ist „geballte Energie“ der größte gemeinsame Nenner jener 13 Positionen, die die Ausstellung „Tachismus Informel Action Painting“ in der Galerie Nothelfer (Corneliusstraße 3, bis 28. März) vereint. Den Bogen über vier Jahrzehnte markieren zwei Bilder von K.O. Götz: „Okt. 1953/II“ sowie eine sieben Quadratmeter große Leinwand von 2004, in der der einzig noch lebende Maler des deutschen Informel mit furiosem Gestus auftrumpfte. Dass zwischen den malerischen Eruptionen von Fred Thieler, K.R.H. Sonderborg oder Emil Schumacher auch poetische Töne ihre Kraft entfalten, belegen zwei Mischtechniken von K.F. Dahmen und Georges Noël. Ebenso spannungsreich ist deren Zeichenhaftigkeit, die geistige Freiheit mit klaren Kompositionen korrespondieren lässt. Der fast museale Überblick der europäischen Nachkriegsabstraktion – ergänzt durch eine 1959 entstandene, dynamische Körpermalerei des Japaners Kazuo Shiraga – zeigt einmal mehr, dass die abstrakte Kunst der zweiten Moderne kein rein amerikanisches, sondern ein globales Phänomen war (6500-650 000 Euro).

Mit Jean Fautrier präsentiert der Kunsthandel Wolfgang Werner (Fasanenstraße 72, bis 25. April) einen Wegbereiter des Informel. Dessen Entwicklung zu abstrahierenden Formen setzt mit zwei Akten von 1926 ein, in denen der Körper intensiv aus dem schwarzen Fond leuchtet. Fautriers experimenteller Umgang mit Farbe als Material, der sich in feinen Kratzspuren andeutet, zeigen Arbeiten der fünfziger Jahre wie „Paysage“, in dem sich die gespachtelte Landschaft gestisch verdichtet. Kammerspielartig stellt die Ausstellung Fautrier in einen konzentrierten Dialog mit Wols und Antoni Tàpies (13 000- 340 000 Euro). Wie groß(-artig) eine Miniatur sein kann, zeigen die Bilder von Wols. Kaum größer als die Einladungskarte, entfalten sie die komplexen Welten und das technische Vermögen des 1954 in Paris verstorbenen Berliners. In den feinen Verästelungen, die in den Randzonen amorpher Gestalten wuchern, im Überlagern und Abkratzen von Farbe oder dem Abdruck der Tube klingen Instrospektion und Weltlichkeit so faszinierend wie beunruhigend zusammen. Nicht eben typisch, dafür mit Documenta-Würden geadelt ist Antoni Tàpies „En forme de poêle“ von 1968. Seine existentiellen Signets, Kreuz und Linie als Zeichen der Verletzlichkeit, treffen in der großen Acryl- und Bleistiftzeichnung auf konkret Weltliches: Aus einer Bratpfanne steigt schwarzer Rauch. Ganz im Zeichen der „geistigen Landkarten“ des Katalanen erstrahlen in „Cadran“ (Sonnenuhr) existentielle Fragen und formale Kunstgedanken, denen ein solider „Rahmen“ gleichsam das Tor zur Welt und geheimnisvollen Symbolik öffnet.

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