KUNST Stücke : Mischmaschine

Marcus Woeller

Keine Sorge, Makramee alter Schule ist das nicht. Da fehlen nicht nur die eingeknoteten Holzkugeln. Das Textilbild „Mandala“ entstand auch nicht in den Händen einer Volkshochschülerin während der siebziger Jahre, sondern ist ein Werk des brasilianischen Künstlers Alexandre da Cunha und brandneu: Ein Streifen Stoff bündelt die Schnüre zu einer Kreisform, deren Strahlen in einem fransigen Knoten enden und von wollenen Fäden weiter über den dicken Filzgrund des Bildes gespannt werden.

Da Cunha knüpft hier dennoch an die Idee von Makramee an, selbst wenn sein Ausgangsobjekt ein Wischmopp ist. Denn traditionelle Handwerksmethoden inspirieren ihn ebenso wie die armen Materialien, die schon die Künstler der Arte Povera verwendeten. Das flirrende Ornament erinnert dagegen eher an Formen der Op Art oder die neokonkrete Kunst Brasiliens. Das Spiel mit Formen und Funktionen kann aber auch verstehen, wer die Bezüge in die Kunstgeschichte nicht erkennt. Da Cunha sitzt erfreulicherweise nicht auf dem hohen Ross der besonders in Berlin beliebten Referenzkunst. Er bleibt bodenständig und serviert seine bearbeiteten Fundstücke mit subtilem Witz.

Die sechs großen „Urnen“, die da Cuhna, Jahrgang 1969, neben dem Wandbild gerade in der Galerie Sommer & Kohl (Kurfürstenstraße 13/14, bis 19. Oktober) ausstellt, waren ursprünglich mal die Trommeln handelsüblicher Zementmischmaschinen. Manchen haftet noch eine dicke Kruste an, andere sind partiell auf Hochglanz poliert oder durch den ständigen Arbeitseinsatz patiniert. Da Cunha stellt sie in eine Reihe und auf flache, quadratische Sockel, die aus Gehwegplatten aus Beton zusammengefügt sind. So präsentiert er die ausgedienten Apparate in der Art antiker Vasen auf einer Plinthe, wie sie auch in einem Museum für Kunstgewerbe stehen könnten. Die Werke (Preise: 10 000–26 000 Euro) des 1969 in Rio de Janeiro geborenen und in London lebenden Künstlers sind in einem erfrischenden Sinne egalitär. Überformte Gebrauchsgegenstände kann man als Skulpturen begreifen, aber auch als Kunsthandwerk. Bilder dokumentieren nie nur die Realität, sondern gleichfalls formalästhetische Qualitäten. Erschreckenderweise trifft das auch für Fotos von Bombeneinschlägen und Explosionen zu, wie da Cunhas erste Projektionsarbeit „Contratempo“ zeigt.

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