KUNST Stücke : Nicht anfassen!

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Das freut den Voyeur: Andreas Koch lädt ihn ein auf eine Reise in fremde Wohnungen. Geduldig nimmt das Kameraauge des Künstlers ein einsames Fenster im Hinterhof ins Visier, zoomt sich heran – und ist auf einmal mehr mit den Spiegelungen auf dem Glas als mit der Frage beschäftigt, was denn nun in dem Zimmer dahinter geschieht.

Gleitend, ohne dass man den Mechanismus durchschaut, wird jenes luftige Spiegelbild zum neuen Gegenstand der Betrachtung in der Galerie Loop (Jägerstraße 5, bis 17. Juli): Nun wandert der Blick zum gegenüberliegende Haus, erspäht dort ein anderes Fenster und saugt sich langsam in das private Heim hinein. Tatsächlich verwendet der Berliner Künstler für seinen zweiminütigen Film nur fotografisches Material. Seine eigenartigen Kamerafahrten entstehen komplett am PC, in den Koch die Aufnahmen einspeist und so animiert, dass die Täuschung anschließend perfekt funktioniert. Ähnlich verhält es sich mit den zwei großen Fotografien in der Galerie. Auf den ersten Blick erzählen sie von belebten Altbauten mit Babybrei und Bügelbrett. Doch dann zerlegen sich die Motive in Details, die nicht zusammenpassen wollen. Koch ist ein Trickser, der die Wahrnehmung untergräbt, indem er Alltagsszenen anbietet, die in Wahrheit künstliche Räume sind. Man muss nur nahe genug herangehen, um die Brüche zu sehen

In der Galerie Matthew Bown (Keithstraße 10, bis 10. Juli) lässt man das besser bleiben. Denn hier spielt Richard Wilson mit dem anderen Extrem. Seine Skulptur „Red Hot“ (Preis auf Anfrage) hält sich die Besucher vom Leib, indem sie Hitze ausstrahlt. Und obgleich der dunkle Würfel auf einem Sockel überaus bescheiden in den Maßen ist, verteilt sich die Wärme meterweit um die Arbeit.

Was aussieht wie purer Minimalismus, spielt im Wortsinn mit dem Feuer. Zu der sinnlichen Erfahrung gesellen sich Verweise auf die Geschichte der abstrakten Kunst. Manifest wird das in jenem Würfel, der sich in regelmäßigen Abständen auf nahezu 1000 Grad Celsius erhitzt und dann leuchtend rot glüht. Die passenden Assoziationen kommen fast automatisch, wandern vom schwarzen Quadrat zur Farbfeldmalerei. Richard Wilson beherrscht solche Prozesse perfekt. Bekannt geworden ist der britische Künstler mit „20:50“, einer Arbeit für den Sammler Charles Saatchi, dessen frühere Galerie Wilson bis zur Hälfte mit Öl füllte. In der Saatchi Collection, wo die Arbeit dauerhaft untergekommen ist, lässt sich noch immer ermessen, wie es damals war: auf einer kleinen Plattform zu stehen, unter sich ein schwarzes Meer, das den Raum spiegelt und orientierungslos macht. Die begleitenden Zeichnungen von damals geben nun in der Galerie Bown immerhin ein Bild davon.

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