KUNST Stücke : Schnelles Glück

Eine Arbeit darf man anfassen. Hans-Peter Feldmann hat sich eine Magnettafel mit zwei beweglichen Gliederfiguren ausgedacht. Wenn sie ihre Arme und Beine beugen, sieht das fast so aus, als tanzten Papierfiguren von Matisse. Besucher, die zulangen, können sich kurz als Künstler wähnen. Und um es vorwegzunehmen: Besonders erhebend fühlt sich das nicht an. Feldmann dürfte es recht sein. Vom Kult um Künstler hält er nichts. „Noch ’ne Ausstellung“ heißt seine Präsentation in der Galerie Mehdi Chouakri, „Noch ’n Buch“ der Band, der seine diesjährigen Schauen begleitet. Die Arbeiten tragen weder Signatur noch Jahreszahl. Die schönste Arbeit bei Chouakri (Invalidenstraße 117, bis 19. Juni) ist ein hölzernes Triptychon, das sich wie ein Altarbild zusammenklappen lässt. Auf das Holz hat Feldmann Dutzende von Kunstpostkarten und Ausschnitten aus Bildbänden gepinnt. Sie alle zeigen ein beliebtes Motiv: die sitzende Dame. Am Tisch, auf der Bank oder dem Bett, bekleidet oder nackt, oft jung und lieblich, bürgerlich oder adlig, seltener proletarisch oder alt. Stunden kann man sich darin vertiefen: Feldmann schreibt Kunstsoziologie ganz ohne Worte.

Eine andere Frau zeigt das Altarbild in der Galerie Sandmann: Hier hat sich Aleksandra Koneva mit einem Fotoporträt und einem Heiligenschein wie auf einer Ikone inszeniert (Linienstraße 139–140, bis 14. Mai). „Sweet is my religion“ steht oben links. Echte Bonbons in glänzenden Papieren verleihen der Behauptung der Berliner Künstlerin aus St. Petersburg Nachdruck und ironisieren die Verheißungen künftiger Paradiese, wie sie Koneva in Christentum und Kommunismus begegnen. Witzreich nimmt sie die Botschaften auseinander und kontrastiert sie mit den Versprechen der Konsumwirtschaft auf sofortiges Glück. So kommt schon mal eine plumpe Assemblage zustande, doch es gibt auch feinsinnige Arbeiten wie „Das Tagebuch eines Konformisten“. Die collagierten Zeichnungen handeln von einer Schülerin, die „allzeit bereit“ sein will. Lenin, Stalin und die Atombombe bevölkern ihre Fantasie gleichberechtigt neben Disney-Figuren und ihrem Teddy. Mithilfe der Kinderperspektive gelingt es Koneva, das Ungeheuerliche politischer Gewalt subtil und zugleich plastisch herauszuarbeiten. Aus der Serie soll ein Bildband entstehen. „Noch ’n Buch“, das wäre hier ein Gewinn.

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