KUNST Stücke : Und jetzt alle

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Was die Sammler Geraldine Michalke und Stefan Oehmen ausstellen, passt perfekt zur neuen Adresse. Eine Wohnung aus Gründerzeiten, teils noch in repräsentativem Zustand und teils von der Zeit danach in Mitleidenschaft gezogen. Dicht am Fenster fährt die aufgeständerte U2 vorbei, nebenan warten Prostituierte. Ein Ort voller Brüche, wo die Kunst der leisen Töne weit besser ankommt als eine mit Knalleffekt. So findet man in den Kunstsaelen Berlin (Bülowstraße 90, bis 10. April) zur Premiere das verhaltene Medium der Zeichnung in allen erdenklichen Formaten. „Vulkan 87“ heißt etwa die kleine Arbeit von Werner Knaup aus Kugelschreiber auf Papier, in Sichtweite erstreckt sich das „Staubmanifest“ von Jenny Michel über Hunderte von Blättern, während „maiusculus“ von Philip Loersch im Raum zu schweben scheint. Und obwohl beide Sammlungen – die eine aus Halle, die andere aus dem Bergischen – mit großen Namen geizen und Arbeiten etwa von Dieter Krieg oder Rupprecht Geiger nur sparsam hängen, lohnt ein gründlicher Blick. Denn mit den Kunstsaelen formiert sich ein ungewöhnliches Projekt, das ohne Konkurrenz zwei langjährige Kunstkäufer und eine junge Galerie zusammenbringt.

Üblich ist das nicht. Sobald es um die eigenen Bestände geht, treibt viele Sammler das Ego, der Wille zur Repräsentation um. Hier aber verschwinden Michalke und Oehmen hinter den konkreten, informellen oder figurativen Arbeiten, die sie schätzen und sammeln. Unabhängig voneinander, doch mit einigen Überlappungen: Blätter des Künstlers Michael Müller besitzen beide. Er hat die Protagonisten zusammengebracht, und wer mit dem Programm von Aanant & Zoo vertraut ist, der kann sich den Link zum dritten Mieter zusammenreimen: Neben Müller ist Channa Horwitz sowohl in der Ausstellung als auch in der Galerie vertreten.

Die Eröffnung seiner neuen Räume feiert Galerist Alexander Hahn allerdings mit der Solo-Schau eines anderen Künstlers. Er nutzt den Auftakt zum Experiment für den jungen spanischen Konzeptuellen Fernando García. „Vakiopaine“ heißt dessen Serie von 138 Aquarellen, in denen sich Garcías Beschäftigung mit der finnischen Sprache niederschlägt. Anlass war ein Stipendium im Norden, eigentlich war das Finnische dem Künstler fremd. Also machte sich der 1975 Geborene mit dem Wörterbuch an die Arbeit, enträtselte Vokale und Silben, bloß um festzustellen, dass sich so noch längst kein Sinn stiften lässt. Die Ordnung der Zeichen erfolgt bei García nun nach rein ästhetischen Prinzipien: Begriffe mit einem „A“ am Anfang werden mit spontanen Zeichnungen kombiniert. Das Ergebnis ist ein absurd-poetisches Alphabet, das zwar keine Basis zur Verständigung bietet, aber Anlass zur Auseinandersetzung (bis 10. April). Kunst als kommunikatives Element – auch das fügt sich ins Programm der Kunstsaele, die ihr Repertoire künftig noch um einen Salon erweitern. Geleitet wird er von der Kuratorin Ellen Blumenstein.

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