KUNST Stücke : Von Sinnen

Thea Herold über die Malerinnen Ulrike Seyboth und Franziska Holstein.

Thea Herold

Ihr erster Lehrer war der Berliner Dieter Goltzsche. Er wird ihr’s gesagt haben: Titel helfen beim Lesen der Bilder. Noch besser aber ist es, man braucht sie erst gar nicht. Nicht nur das hat sie beherzigt. Ulrike Seyboth, ehemals Meisterschülerin und Absolventin der Kunsthochschule Berlin Weißensee, ist seit ihrem Abschluss vor gut zehn Jahren viel herum- und weiter vorangekommen. Ob das schwer fassbar Feminine in ihren Bildern nun von den Farben herrührt oder doch eher vom gestischen Duktus dieser leidenschaftlichen Malerin, spielt eine nachgeordnete Rolle. Wichtig ist: Sie malt mit allen Sinnen. Zwar halten sich manchmal bewusster Impuls und unbewusste Kontrolle in ihren Abstraktionen in der Galerie Läkemäker (Schwedter Straße 17, bis 4. Juli) so die Waage, dass es einen schon wieder fuchst. Aber beim zweiten Blick dringt durch die zuckrige Süße ihrer Rot-Rosa-Wirbel, durch die Schichtungen und Streichungen alles Innere durch: staunende Erkundung, fragendes Rätseln. Zweifel, Liebe, Sehnsucht, Zorn. Und wie differenziert sich der große gestalterische Reichtum von Ulrike Seyboth austoben kann, sieht man spätestens in ihren Skizzenbüchern. Wenn darin die Schwünge über das gefaltete Papier holpern! Das ist groß, städtisch und doch auch ganz bei sich geblieben (Blätter je 740 €, Bilder bis 11 000 €).

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Franziska Holstein hat in Leipzig studiert. Erst bei Arno Rink, danach in der Meisterklasse bei Neo Rauch. So gesehen stand ihr neben dem malerischen Übervater auch noch ein enthusiastischer Malgroßvater bei, der ihr den umfangreichen Formkanon und die solide Maltradition nach allen Leipziger Regeln beibrachte. Soweit sie es zuließ. Denn hier traf Schule auf große Begabung. Schon vor ihrem Diplom bestritt sie in der Boesky Gallery in New York eine Solo-Show. Aber statt die erhofften Erwartungen an die Leipziger Schule zu erfüllen, brachte sie linearen Sarkasmus auf die Leinwände – schwarz grundiert. Das war schon frech. Jetzt zeigt Christian Ehrentraut (Friedrichstraße 123, bis 11. Juli) ihre erste Einzelausstellung in Berlin. Er ahnte längst, in welche Liga sie gehört. Und wenn man nun vor ihren neuen, phänomenalen Leinwänden steht, versteht man schnell, dass sie sich nicht überall Freunde macht. Alles spielt mit. Tradition und Trasch, Zusammenfügen und Zerstören, Auftragen und Runterreißen. Gestern, morgen, jetzt. Die Dynamik daraus wird bei Franziska Holstein ebenso schnell wie langsam in Szene gesetzt. Moderne Drucktechniken und malerisches Können stehen sich dabei nicht im Wege. Kein Gegensatz von abstrakt und real. Im Gegenteil. Hier eine Referenz an den Altgroßmeister Herrmann Glöckner, dort eine Nase gedreht in Richtung Robert Rauschenberg. Das ist Malen im Präsens. Hat da etwa einer Mädchenkunst gesagt? Vergiss es! Von ihr wird man noch hören (Arbeiten von 5 000 bis 17 000 €).

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