Kultur : Kunst - und sonst nichts

ISABEL HERZFELD

Es ist dieser Augenblick, wenn das schon gelöschte Saallicht wieder angeknipst werden muß und standhafter Beifall den Künstler noch einmal auf die Bühne zurückzwingt, der sagt: Das war ein großer Abend.Endlich, nach so vielen Klavierabenden voller Langeweile, künstlerischer Mißverständnisse oder schlicht geschäftstüchtiger Angeberei.Noch nach der fünften Zugabe - unter ihnen immerhin eine erlesen-spritzige, strahlend-selbstbewußte Paganini-Etüde von Liszt - ist Jewjenij Kissin taufrisch, leidenschaftlich bei der Sache und dabei von einer künstlerischen Redlichkeit, die ihn noch die letzte hingetupfte Baßstimme eines ungarischen Tanzes von Brahms knackig-korrekt gestalten läßt.

Das ist Perfektion, die aus der liebevollen Versenkung in die Musik kommt, weder sinnleere Brillanz noch akademisch-kalte Notenklauberei.Den Wunderkind-Kokon hat der zum wirklichen Meister gereifte Sechsundzwanzigjährige jetzt abgestreift.Er ist nicht mehr der Tausendsassa, der vor zehn Jahren im Silversterkonzert mit Herbert von Karajan durch Tschaikowskys Klavierkonzert stürmte, und auch nicht der Skrupulöse, der sich etwa in der Mitte dieses Dezenniums bei Chopin solche Vitalität nicht mehr gestattete und in Lyrismen versäuselte.Beides steht ihm jetzt nach Belieben zu Gebote, und dazu ein Zuwachs an Ökonomie und Einsicht in kompositorische Zusammenhänge, die mit jedem Ton sagt: So soll es sein.

Gerade die "klassischen" Tugenden des formalen Aufbaus und polyphonen Spiels überzeugen.Von einzigartiger Stringenz ist die so häufig zu eitler Selbstdarstellung mißbrauchte h-moll-Sonate von Liszt.Zielstrebig spielt Kissin von einem Kulminationspunkt zum anderen, bezieht im langen Atem klug aufgebauter Steigerungen leicht auseinanderfallenden Formteile sinnvoll aufeinander.Er weiß genau, wann die leichten Doppelschlagfiguren im zweiten Thema, die himmlisch aufsteigenden Tonleitern im "Quasi Adagio" noch melodietragenden Charakter haben und wann sie in hauchzartes Beiwerk zerstäuben sollen.Wunderbar sein Triller im feinsten Pianissimo, die sanft leuchtenden Pianofarben ohne Pedal-Manierismen, die Abstufungen des Maestoso-Hymnus in züchtigem Forte - man muß für dieses Stück nicht das Klavier zerschlagen.Dabei fehlt es Kissin nicht an Kraft, wie die immer noch Reserven enthaltenden Oktavwirbel, die frechen Mittelstimmen-Akzente in der wahnwitzigen Fuge zeigen - alles "nur" das Sahnehäubchen innerhalb einer Interpretation, die das Drama der um Erlösung ringenden Seele glaubwürdig nachzeichnet.

Später Beethoven bleibt natürlich immer ein Prüfstein, doch es ist wohltuend zu erleben, wie Kissin die Sonate A-Dur op.101 nicht mit letzten Dingen geschwängert, sondern altersgerecht natürlich und ehrlich interpretiert.Ein wenig romantisierend zu Beginn vielleicht, doch im sehnsüchtigen Mittelteil widersteht er der Versuchung der aufgeblähten Steigerung, gibt Marsch und Fuge kraftvoll-transparent, mit Pfeffer und jugendlicher Verve.

Ein Schuß Humor blitzt auch bei Brahms, der neuen Liebe, in der prall bewegungslustigen Rhapsodie op.119, im kokett abgetönten C-Dur-Intermezzo auf.Klangvolle Bässe und Mittelstimmenzauber der melancholischen Miniaturen zuvor, diese Balance von Kopf, Hand und Herz, sie zeigt den großen, niemals fertigen Künstler, dem das Publikum zu Füßen liegt, seinen Hunger nach Kunst in immer neue Beifallsströme gießend.Und nur um die ging es an diesem Abend, abseits von allem Event-Geschrei.

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