Kunstbuch : Bilderfluten

Horst Bredekamp beschreibt Kunst als Form von Gedächtnis. Sein Credo: "Unsere Welt ist wesentlich ein Reich der Bildmedien“. Was das bedeutet, formuliert er in seinem neuen Buch "Von der Kunstkammer zum Endspiel".

Bernhard Schulz

Berlin Mit durchdringendem Blick schaut Horst Bredekamp über den Rand seiner Brille, die Welt skeptisch musternd. „Nihil firmum“, das in der Renaissance beliebte Motto „Nichts ist fest“ scheint diesem Blick als Frage eingeschrieben zu sein.

Fragen stellt Bredekamp unaufhörlich. Der Grenzbereich ist sein Aufenthaltsraum. Berühmt wurde seine Abhandlung über das Fußballspiel im Florenz der Medici; aber dass der Autor zugleich die fotografische Bilderflut zum heutigen Profifußball mit demselben analytischen Besteck zu sezieren weiß, ist für einen Kunsthistoriker noch immer erstaunlich.

Bredekamp ist besessen von Bildern, ihrer offenkundigen Macht und ihrer verborgenen Sprache. Sein Credo lautet, „dass unsere Welt wesentlich ein Reich der Bildmedien ist“. Das ist keine neue Erkenntnis; ihr verdankt sich schon Aby Warburgs herkulisches Unternehmen des Bildatlas „Mnemosyne“ – nach der griechischen Mutter der Musen, die das Wort für „Gedächtnis“ im Namen trägt –, an das Bredekamp schreibend anknüpft. Denn auch ihm geht es darum, die Erinnerung an Motive wachzurufen, die sich in scheinbar disparaten Bildern äußern, wie etwa jenem Schnappschuss von der Fußball-WM 1966, in dem der renommierte Lehrstuhlinhaber der Humboldt-Universität eine Szene aus Michelangelos sixtinischem „Jüngstem Gericht“ entziffert.

Zwölf Aufsätze und Vorträge versammelt der neue Band, der Bredekamps Forschungsspektrum umreißt. Renaissance und Barock nehmen die Hauptrolle ein, als Epochen, in denen Kunst und Technik noch eine hoffnungsfrohe Einheit bildeten und den Künstler zum „zweiten Gott“ erhoben. Wenn der Autor – seit 2003 Permanent Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg – über Warburg mit vernehmlichem Bedauern sagt, dessen „Mnemosyne-Projekt hätte das Denken in assoziativen Bildern schließlich in globalem Maßstab begründen sollen“, so skizziert das den Impetus, dem sich seine zugleich ausgreifenden wie detailversessenen Untersuchungen verdanken.

„Wohl erstmals (...) wächst der Kunstgeschichte eine Art Leitrolle innerhalb der Geisteswissenschaften aus dem Grunde zu, dass sie mit ihrem Material über deren Grenzen hinauszuspielen vermag“, schloss Bredekamp einen Vortrag im Jahr 1992. Das Thema war die Kunstkammer aus Renaissance und Barock. „Wohl niemand will das bedachte Chaos der Kunstkammer als Museum zurück“, sagte Bredekamp damals. Gilt das noch heute? Dazu wäre eine neuere Äußerung des Mitgestalters der Ausstellung „Kunst- und Wunderkammern des Wissens“ (2000) hilfreich gewesen. Von seiner Mitkonzeption des künftigen Humboldt-Forums jedenfalls darf erwartet werden, dass sie den kühnen Anspruch von 1992 ebenso einlöst wie die zahllosen, im Anhang des Buches in einer einschüchternden „Auswahlbibliographie“ verzeichneten Schriften.

Horst Bredekamp: Bilder bewegen. Von der Kunstkammer zum Endspiel. Wagenbach Verlag, Berlin 2007, 256 S., 13,90 €.

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