Kultur : Kunstgewerbemuseum: Als Abstraktion noch Freiheit meinte

Katrin Bettina Müller

Das versunkene Schiff und die gerettete Amphore, das Skelett eines Fischs und die Versteinerung in Muschelkalk: Alle diese Bilder ruft das "Liegende Gefäß" von Karl Fulle hervor. Der Länge nach geborsten, gibt es den Blick frei in den Innenraum. Die farbigen Glasuren steigern die Expressivität der Keramik, die als prachtvoller Hinweis auf die Vergänglichkeit barocken Vanitas-Symbolen in nichts nachsteht. Fulle, Keramiker aus Rheinsberg, bleibt in dieser Skulptur den Traditionslinien seiner früheren Schule, der Burg Giebichenstein in Halle, treu: Die Betonung des Handwerklichen mit einer individuellen Handschrift zu verbinden.

Das verbindet die rund einhundert Werke von Keramikern, Glaskünstlern und Silberschmieden, die für eine Tournee durch Indien anlässlich der Deutschen Festspiele dort letztes Jahr von den Kunstgewerbemuseen in Berlin, Frechen, Hamburg und Pforzheim ausgewählt wurden, um "Zeitgenössisches Kunsthandwerk in Deutschland" zu repräsentieren. Fast immer betonen die Künstler ihre experimentelle Freiheit, jenseits der Erfordernisse des Gebrauchs und der industriellen Produktion aus den tradierten Materialien des Kunsthandwerks ausdrucksvolle und dekorative Formen herauszuholen. Alltägliches Gebrauchsdesign, das man etwa aus der Wohnkultur der letzten Jahre wiedererkennen könnte, gehört nicht zu den Objekten aus drei Jahrzehnten. Eher findet man in dem Kunsthandwerk einen starken Nachhall der abstrakten Kunsttendenzen der sechziger Jahre und der Rückkehr des Expressiven in den achtzigern wieder. Die Auswahl beleuchtet ein Spektrum, das im Westen Deutschlands am Rande der zeitgenössischen Kunst und des Designs entstand und von einer eigenen Sammlerszene getragen wird. In der DDR dagegen waren die Überschneidungen zwischen Kunst und Kunsthandwerk dichter.

Aura des Sakralen

Zu den ältesten Künstlern gehört Florian Lechner, 1938 geboren, der bei Fritz Winter in Kassel studiert hat. Seine Glasschale "Blaue Welle" von 1999 entfaltet sich mit monumentaler Geste. In der Bewegung ihrer Wellen thematisiert sie die Erstarrung des Flüssigen. Das Glas ahmt elementare Prozesse nach. Nicht weniger pathetisch ist Isgard Moje-Wohlgemuths "Opus mit vier Flügeln" (1992) aus mundgeblasenem "Echtantikglas", das eine Aura des Sakralen und Kostbaren beansprucht. Die virtuose Eigenwilligkeit stellt höchste Beherrschung der Technik zur Schau.

Schlichter und der Kunst näher wie etwa den Skulpturen von Eduardo Chillida ist eine "Steinform" von Gerald Weigel, der in den siebziger Jahren für seine gespaltenen Steine bekannt wurde. Wasser könnte die Kanten des felsigen Blocks aus Steinzeug rundgeschliffen und Frost die Vertiefung hineingesprengt haben, die den Kubus auch als Vase nutzen lässt.

Zu den jüngeren Künstlern gehören Andreas Möller, 1965 und Jan Wege, 1964 geboren, beide aus Hamburg. Sie lassen eher als die Nachkriegsgeneration eine Auseinandersetzung mit serieller Produktion und deren verändertem Materialbegriff an sich heran. Weges Kaffeekanne aus Silber mit einem Griff aus Ebenholz steht in ihrer gradlinigen Geometrie der klassischen Moderne wieder nah. Die gewebte Sofadecke des Textilgestalters Möller aus Wolle, Seide, Kaschmir liefert in feinen Rippen, Streifen und Fischgrätmustern in grau und beige eine Collage von Edelklamotten, die Purismus im Umgang mit dem Material auszeichnet. Jene Qual der Wahl, die den gut Betuchten vor seinem Kleiderschrank ergreifen mag, wird hier durch eine Umarmung der Fülle gelöst. Ein Hauch von Ironie blitzt auf.

Indien ist weit und der Maßstab für "Zeitgenössisches" breiter gefasst als es die Verwendung des Begriffs in der hiesigen Kunstszene meint. So verblüfft die Ausstellung durch die Anlehnung an eine Epoche, als Abstraktion Freiheit meinte. Zeitgenössische Kunst dagegen feiert ihre Zweckfreiheit kaum so unverfroren sondern zeichnet sich heute viel mehr durch die Suche nach einem sozialen Kontext aus.

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