Kultur : Kunsthalle Würth: Schwäbische Schwalbenschwänze

Hans-Dieter Fronz

Wer eine Sammlung von 6000 Kunstwerken sein eigen nennt, der baut irgendwann ein Museum. Und hat er schon eins, dann setzt er vielleicht noch eine Kunsthalle drauf. Vor zehn Jahren war das Museum Würth als Einbau des neuen Verwaltungsgebäudes des Würth-Konzerns in Künzelsau seiner Bestimmung übergeben worden. Nun wurde in dem gut zwanzig Kilometer entfernt liegenden Schwäbisch Hall die Kunsthalle Würth eröffnet, nicht weit vom Buchheim-Museum in Bernried am Starnberger See (vgl. Tagesspiegel vom 25. Mai).

Es war zu Beginn der siebziger Jahre, da wusste ein Freund den damals mittelständischen Unternehmer für Kunst zu begeistern. Das erste Kunstwerk seiner Sammlung war ein Aquarell von Nolde. Heute gehört die Kollektion mit ihren 6000 Stücken zu den großen Privatsammlungen in Deutschland. Aber auch sonst machte Reinhold Würth als Kulturfreund von sich reden: mit dem "Würth Preis für Europäische Literatur", mit der vom Konzern finanzierten Tübinger Poetik-Dozentur. 1995, zum 50-jährigen Firmenjubiläum, wurde in Künzelsau die dritte Sinfonie von Philip Glass uraufgeführt - ein Würth-Auftragswerk. Aufführungsort war die von Christo im Inneren ausgekleidete Verwaltungszentrale.

Durch die Kunsthalle wird Schwäbisch Hall, die schnuckelige alte Salzstadt im Hohenlohischen, auf einen Schlag zu einem "kulturellen Zentrum der Region Heilbronn-Franken". Man nimmt Würth seine Kunstbegeisterung gern ab: Seine Ausstellungshalle ist eine großzügige Gabe - und alles andere als ein kostenträchtiges Danaergeschenk. Das Unternehmen trägt nicht nur die Baukosten (über 20 Millionen Mark), sondern finanziert auch den Unterhalt; die Stadt brachte lediglich den Bauplatz ein. Ein reiner Glücksfall also. Das Ausstellungsprogramm sieht zwei, drei Sammlungspräsentationen jährlich und Sonderausstellungen vor.

Aber auch die Architektur macht von sich reden. Der Däne Henning Larsen, der das Außenministerium in Riad oder die Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen baute, setzte sich mit seinem Entwurf unter anderem gegen Mario Botta durch. Sein Stil zeichnet sich durch sachliche Eleganz und klare Gliederung aus. Der Architekt liebt großzügige Raumvolumina, ohne Monumentalität anzustreben. Vielseitigkeit und sensibles Reagieren auf die lokalen Gegebenheiten kennzeichnen sein Bauen.

Die zweigeschossige Würth-Halle öffnet sich mittig im oberen Geschoss, wo sie sich zu einer Terrasse in der Form eines Schwalbenschwanzes erweitert. Betritt man diese Platz von der nahen Straße her, erhebt sich linker Hand die Eingangshalle mit Museumsshop und Café, rechts eine Halle für Vorträge und Musikveranstaltungen. Geradeaus eröffnet sich ein schöner Ausblick auf die Altstadt mit der barocken Michaelskirche und der mittelalterlichen Zehntscheuer. Die Außenverkleidung ist aus Muschelkalk; nach vorn wird die Halle von einem Glasschirm mit einem Stahlnetz abgeschlossen, der das Treppenhaus einfasst. Ästhetisch und funktional zugleich, fügt sich das Gebäude harmonisch ins Stadtbild ein.

Die eigentlichen Ausstellungsräume sind auf Erd- und Zwischengeschoss verteilt. Fürs Erste sind 330 Kunstwerke aus den Sammlungsbeständen zu sehen: darunter Gemälde und Plastiken von Corinth, Kirchner und Feininger, Kupka und Max Bill, Beckmanns schöner "Halbakt mit Katze" und eine ganze Nolde-Wand. Linker Hand nähert sich der Raum mit Werken von Magnelli, Poliakoff, Albers, Schumacher, Baselitz und weiteren Künstlern der Gegenwartskunst. Das Erdgeschoss hat eine schöne Picasso-Ecke, eine Partie mit Plastiken und Zeichnungen Hrdlickas sowie einen Raum mit Gemälden Heinrich von Zügels, Liebermanns, Sisleys und Pissaros. Weitere Räume zeigen Chillida neben Tàpies und Girke, Hans Arp, Chagall und Max Ernst. Der letzte Raum gehört Christo Große Namen und vorzügliche Kunst, wohin man blickt: Reinhold Würth braucht kein Prophet zu sein, um Schwäbisch Hall in den nächsten Wochen so manchen Stau vorauszusagen.

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