Kunstinstallation : Abfall: ab durch die Decke

Im Erdgeschoss landet, was oben entsorgt wird - und sammelt sich zu Skulpturen auf dem Boden. Die Installation von Karin Sander im Neuen Berliner Kunstverein wächst mit jedem Tag.

von
Nicht immer kommt alles Gute von oben. Müllentsorgung im NBK.
Nicht immer kommt alles Gute von oben. Müllentsorgung im NBK.Foto: n.b.k./Jens Ziehe

Ups, er hat es schon wieder gemacht. Mit einem sausenden Geräusch fällt geknülltes Papier auf den Boden der Ausstellungshalle. Direkt aus dem Chefzimmer darüber, in dem Marius Babias seine Korrespondenz bearbeitet. Was der Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins (NBK) nicht mehr braucht – Briefumschläge, Notizen, Einladungen –, wandert in den Papierkorb neben dem Schreibtisch. Nun öffnet sich aber, wo sonst der Behälter steht, ein Loch im Boden. Das entsorgte Papier stapelt sich schon wenige Tage nach Eröffnung der Ausstellung ein Stockwerk tiefer.

Doch was wurde eigentlich eröffnet? Wer den NBK betritt, sieht sechs solcher Haufen. Ein Blick an die Decke offenbart dieselbe Zahl an Löchern. Kreisrund, durch eine imponierende Schicht aus Beton gebohrt und groß genug, damit die Geräusche aus dem Obergeschoss diffundieren. Ein Kopierer ist zu hören, das Klirren eines Löffels im Kaffeebecher, ein halbes Gespräch. Die Ausstellung selbst wächst mit jedem Tag: Je mehr die Mitarbeiter wegwerfen, desto mehr sammelt sich im Erdgeschoss an. Ein Potpourri aus Schrift, das sich zu temporären Skulpturen schichtet.

Das ist der eine Aspekt im Werk von Karin Sander. Die Berliner Künstlerin hat sich im NBK für eine Intervention entschieden, die eine ganze Institution auf den Kopf stellt. So muss (nicht bloß) Babias aushalten, dass sich jeder anhand seiner Papierabfälle ein Bild von ihm machen kann. Ideen, Anfragen, Absagen – alles wandert nach der Bearbeitung in den Müll und wird sichtbar. Genau wie der zur Institution gehörende administrative Apparat: Die Büros, in deren Zimmern die Kernbohrungen stattgefunden haben, sind während der Geschäftszeiten zugänglich. Viele Besucher nehmen zum ersten Mal wahr, dass über der Ausstellungshalle ein ganzes Team für die Realisierung des Jahresprogramms sorgt.

Die Institutionskritik war das große Kunstthema der neunziger Jahre. Karin Sander, 1956 geboren, nutzt dieses Instrumentarium virtuos bis in die Gegenwart. Sie „liest“ den Ort, analysiert die Situation, nimmt architektonische Eingriffe vor, um eine konzeptuelle Arbeit zu schaffen, die beiläufig wirkt, aber von tiefer Schönheit ist. Davon erzählen ihr poliertes Hühnerei oder die weißen „Wandstücke“: Ihre Oberflächen schliff Sander so lange, bis sie wie milchige Spiegel die Umgebung reflektieren und Fragen nach der Rezeption von Kunst aufwarfen. Im Fall des NBK verändern sich die sechs Skulpturen mit jedem Tag der Ausstellung. Ihr Material besteht aus Zetteln, deren Inhalt ausschließlich um die Kunst, ihren Verleih, die Kosten und notwendigen Kontakte kreisen und machen so ein Paradox sichtbar: Karin Sander fixiert Prozesse in vergänglichen Arbeiten.

Ähnliches geschieht in der Berliner Galerie Sassa Truelzsch. Dort hat die Künstlerin parallel zur Schau im Kunstverein ein großes Bild ihrer „Mailed Painting“-Serie einem Gemälde von On Kawara gegenüberstellt. Sanders kreisrunde Leinwand „Nr. 57“ ist seit 2006 schutzlos auf Reisen: Wann immer sie für eine Ausstellung angefragt wird, landet sie auf der Post statt bei einem auf Kunsttransporte spezialisierten Unternehmen. Die weiß grundierte Arbeit bleibt unverpackt, den Rest erledigen die Boten. Sie trampeln die Kunst mit den Schuhen, verursachen Risse oder kleben das vermeintliche Paket an den Rändern noch einmal zu, damit nichts herausfällt.

Zurück bleiben Spuren des Gebrauchs, die man als Ästhetik des Zufalls lesen kann und von der Künstlerin dokumentiert werden. Auf ihre Entstehung hat sie keinen Einfluss. Das Gegenteil jener kontrollierten Geste, die On Kawara auf dem Gemälde gegenüber vornimmt. Ein Tag, das Datum, ein monochromer Hintergrund: Wenn der 1932 geborene Japaner sein Bild bis zum Abend nicht fertiggestellt hat, wird es zerstört. Für jeden anderen Tag seit 1966 gibt es ein „Day Painting“, das die malerische Arbeit auf diese immergleiche Geste konzentriert. Für Karin Sander, die sich das Bild und mehrere Telegramme des Künstlers als „Sparring Partner“ gewünscht hat, wäre diese selbst verordnete Beschränkung nichts. Dafür lässt sie zwei Pole einer konzeptuellen Idee aufscheinen, die die Zeit zum Mittelpunkt ihrer Überlegungen macht.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, bis 1. Mai; Galerie Sassa Truelzsch, Blumenthalstr. 8, bis 16. April.

1 Kommentar

Neuester Kommentar