Kunstmarkt : Cool bleiben

Bei den New Yorker Auktionen wird gut verkauft – trotz fallender Preise.

Matthias Thibaut
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Vorbild Mittelalter. Das Bild von John Currin kam auf 5,4 Millionen Dollar. Foto: Sotheby’s

„Art Boom over“, Blase geplatzt, melden die Zeitungen. Kunst wird wieder billiger und diejenigen, die schon lange argwöhnisch oder gar neidisch auf die Preistreiberei am Kunstmarkt schauten, frohlocken. Das Raunen, das durch den Saal ging, als man in Christie’s New Yorker Abendauktion am Mittwoch Francis Bacons auf 40 Millionen Dollar geschätzte „Studie für ein Selbstporträt“ zurück in die Lager tragen musste, wurde schon als das Todesröcheln des Kunstmarkts interpretiert.

Die Wirtschaftsrealität hat den Kunstmarkt eingeholt. Zwei Jahre lang wurde unfehlbar ein teuerer Bacon nach dem anderen verkauft. Nun sind die Käufer vorsichtiger geworden. Bei der Moderne-Auktion von Sotheby’s vergangene Woche wurde ein kubistisches Bild von Picasso, das 30 Millionen Dollar kosten sollte, schon vor der Auktion zurückgezogen, weil die Besitzer kalte Füße bekamen. Anders als viele Trophäen hatte der Picasso keine Garantie. Wer das Ausmaß des Einbruchs buchhalterisch erfassen möchte, kann das nach den New Yorker Auktionen ziemlich genau kalkulieren. Rund 30 Prozent der Lose wurde nicht verkauft, weil sie zu teuer waren. Die niedrigen Taxen aller Werke der vier marktprägenden Abendauktionen in New York betrugen eine Milliarde Dollar, eingespielt wurden 609 Millionen: ein Umsatzrückgang von fast 40 Prozent.

Das heißt aber auch: Es wurde noch Kunst für über 610 Millionen. Dollar verkauft. Es gab in den Gala-Auktionen in New York Rekordpreise für Edvard Munch (38 Mio. Dollar), Kasimir Malewitsch (60 Mio. Dollar), Edgar Degas (37 Mio. Dollar), Juan Gris (21 Mio. Dollar). In den Contemporary-Auktionen wurde für ein großes Punktbild der betagten Japanerin Yayoi Kusama 5,7 Millionen Dollar bezahlt, eines der Kästchen von Joseph Cornell kostete 3,7 Millionen Dollar, ein Paar nackte Blondinen in Lucas-Cranach-Manier von John Currin erzielten 5,4 Millionen Dollar und eine frühe Abstraktion des amerikanischen Expressionisten Phillip Guston 10,1 Millionen Dollar – alles Höchstpreise.

Der schwedische Metallica-Drummer Lars Ulrich verkaufte seinen Basquiat für 13,5 Millionen Dollar. Er mag den Rekord knapp verfehlt haben, aber seit er das Gemälde 1999 kaufte, hat sich doch einiges akkumuliert. Das wunderbare Schwammbild „Archisponge (RE11)“ von Yves Klein hätte einen Rekordpreis von 25 Millionen Dollar bringen sollen. Aber der schwedische Schiffsmagnat Magnus Lindholm, der das Bild seit 1983 in seiner Sammlung hatte, kann auch mit dem Erlös von 21,3 Millionen Dollar zufrieden sein.

Kein Zweifel, die Preise fallen. Aber Kunst wird mit langer Perspektive gesammelt. Sechs hochkarätige Gemälde von Gerhard Richters wurden in London und New York angeboten, und alle waren den Sammlern jetzt zu teuer. Aber als dann bei Christie’s die Abstraktion aus der Sammlung Thomas Olbricht unter den Hammer kam, stieg der Preis auf 14,8 Millionen. Vor zwei Jahren, als Richters Rekord unter sechs Millionen Dollar lag, wäre das unerhört gewesen, nun ist es der dritthöchste Preis des Malers – und der Dollar ist so teuer wie seit langem nicht mehr.

Die Verlierer sind erst einmal die Auktionshäuser. Sotheby’s rechnet im November mit Verlusten von 17 Millionen Dollar, weil Bilder die garantierten Preise nicht schafften. Im Oktober nach den Londoner Auktionen waren es 15 Millionen Dollar Verlust. Garantien sind die „Futures“ des Kunstmarktes, Spekulationen, wie die Preise in ein paar Monaten sind. Aber das Missverhältnis von Preis und Nachfrage der New Yorker Auktionen wird sich so nicht wiederholen. Bei den nächsten großen Auktionen im Februar in London werden die Preise anders kalkuliert, die Verkäufer werden ihre Erwartungen herunterschrauben oder ihre Kunst lieber behalten.

Wer im vergangenen Jahr noch einmal teuer eingekauft hat, wird Geld verlieren. Diejenigen, die sich im September noch einmal rauschhaft mit Damien Hirst eindeckten, werden wohl eine Weile warten müssen, bis die Inflation die Preise wieder saniert. Aber bisher ist nicht mehr passiert, als dass die Kunstpreise ein, zwei Jahre zurückfallen. Das ist immer noch besser als bei den meisten Aktien. Es ist eine Frage der Perspektive. Ist das Glas halb voll oder halb leer? „Von Panik keine Rede. Der Markt geht weiter, wenn auch auf einem anderen Preisniveau“, kommentierte Christie''s USA-Chef Marc Porter. Kaliforniens Starsammler Eli Broad freute sich über den „Ausverkauf zu halben Preisen“ und legte allein bei Christie’s gleich acht Millionen Dollar in Neuerwerbungen an. Sotheby’s Auktionator Tobias Meyer erzählt, wie sich nach der Auktion ein Sammler bei ihm bedankt habe: „Sie haben gezeigt, dass es noch einen Kunstmarkt gibt.“

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