Kunstmesse : Schattenkinder in São Paulo

Exportschlager Brasilien: Rund 15.000 Besucher, 3000 mehr als im vergangenen Jahr, zählte die fünfte internationale Kunstmesse SP Arte in São Paulo.

Nicole Büsing/Heiko Klaas

Attraktiv ist die Messe nicht zuletzt dank ihres klaren Profils: 80 Galerien, überwiegend aus Südamerika, Spanien, Portugal und Frankreich, präsentierten moderne und zeitgenössische Kunst aus Lateinamerika. Nirgendwo sonst wird Kunst aus dem größten südamerikanischen Land in dieser Qualität und Fülle gezeigt. Brasilianische Kunst wird geschätzt: von europäischen und amerikanischen Museen, die ihre Sammlungslücken schließen wollen, von potenten brasilianischen Privatsammlern und vor allem von vorausschauenden Kunsthändlern, die sich für die Zeit nach der Krise eindecken. So stattete Jay Jopling, Stargalerist aus London, der Messe einen Blitzbesuch ab. Ebenfalls gesichtet: die venezolanische Top-Sammlerin Patricia Phelps de Cisneros.

Dass brasilianische Kunst sich nicht zu verstecken braucht, findet auch Tanya Barson, Lateinamerika-Expertin der Tate Modern in London. Auch sie begab sich in São Paulo auf Einkaufstour. „Trotz ihrer zentralen Bedeutung für die Entwicklung der internationalen Moderne wurde brasilianische Kunst von europäischen Museen immer marginalisiert.“ An der Tate Modern hat man ihre Bedeutung früh erkannt: Das Museum verfügt über die wichtigste Sammlung brasilianischer Kunst außerhalb Brasiliens.

Bei der Galerie Athena aus Rio de Janeiro deckten sich Händler aus den USA, aus Großbritannien, Chile und Argentinien mit hochrangigen Arbeiten der brasilianischen Nachkriegsmoderne ein. Im Angebot war etwa ein mit konstruktivistischen Formen bemalter Paravent von Ivan Serpa von 1952 für 350 000 $. Und es gab zarte kalligrafische Monotypien auf Reispapier von Mira Schendel (1919-1988) für 5400-35 500 €. Schendels Arbeiten sind zurzeit auch im MoMA in New York zu sehen.

Messedirektorin Fernanda Feitosa führt das internationale Interesse auf ein konkretes Ereignis zurück: Ein Gemälde von Beatríz Milhazes erzielte 2008 bei einer Auktion von Sotheby’s in New York über eine Million Dollar – mehr als je zuvor für Kunst aus Brasilien gezahlt wurde. Ihre großformatigen Papiercollagen gab es deshalb an mehreren Ständen. Zu Preisen von 30 000 $ bis zu 380 000 $ für ein Großformat. Auch eine Prognose für den brasilianischen Kunstmarkt hat Messeleiterin Feitosa parat: „Ich kann mir vorstellen, dass die Preise eines Tages explodieren. Noch sind sie für Künstler, die auf ein reifes Werk zurückblicken, eindeutig zu niedrig. Cildo Meireles zum Beispiel müsste viel teurer sein. Er ist über 60 Jahre alt, doch auf dem Kunstmarkt erhalten seine Arbeiten längst nicht die Anerkennung, die sie verdienen.“ Nicole Büsing/Heiko Klaas

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