Kunstmesse : Stattlich

Eine Messe für erlesene alte und aktuelle Skulptur etabliert sich im Deutschen Historischen Museum - gegen den Trend.

Michael Zajonz
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Echt klassizistisch. Rauchs Satyr Foto: Neuse

Kulturpessimisten ahnten es: Die Welt ist zweidimensional geworden, und zeitgenössische Kunst kommt besonders gut an, wenn sie sich ohne Informationsverlust auf Bildschirmen und Displays darstellen lässt. So gesehen ist die Sculptura, die zum ersten Mal in Berlin stattfindet, gleich mehrfach eine Messe gegen den Trend. 25 internationale Aussteller bieten formal differenzierte und dazu hochpreisige klassische Bildhauerkunst von der Antike bis zur Gegenwart. Der Schwerpunkt liegt auf alter Kunst. Ausgerechnet mit diesem elitären Konzept startet die neue Messe in Berlin. Das ist mutig, konnte die verarmte Hauptstadt bislang doch nur im zeitgenössischen Bereich an ihre historische Vorreiterrolle als Metropole des Kunsthandels anknüpfen.

Andererseits ist der Schlüterhof des Berliner Zeughauses unter den Linden, Heimstatt des Deutschen Historischen Museums, der denkbar schönste Messeort. Hausherr Hans Ottomeyer hat die Messeorganisatoren Benno C. Gantner und Maria-Luise Hopp-Gantner aus Starnberg ermutigt, unter Schlüters Masken sterbender Giganten auszustellen, während schräg gegenüber im Automobilforum Unter den Linden die 9. Ars Nobilis zeitgleich beweist, dass sich die internationale Klientel alter Kunst nach Berlin locken lässt. Das Ambiente im Schlüterhof genügt jedenfalls höchsten Ansprüchen. Jürg Steiners Messearchitektur ist transparent, und das durch die Glasdecke strömende natürliche Licht schmeichelt dem Angebot. Ein Händler wie Jean-David Cahn (Basel/St. Moritz), der einzige Antikenspezialist unter den Teilnehmern, hat lange überlegt, was er in unmittelbarer Nähe von Schlütermasken und Pergamonaltar zeigen soll. Seine überlebensgroße späthellenistische Gewandfigur des Pudicitia-Typs mit römischen Umarbeitungen (270 000 CHF)ist an verhaltener Großartigkeit kaum zu überbieten.

Doch Monumentalität ist nicht unbedingt eine Frage der Größe. Georg Laue (München) präsentiert gemeinsam mit Sascha Mehringer (München) den von ihren Maastrichter Gemeinschaftsständen gewohnten erhabenen Mix aus Kunstkammer, Mittelalter und Klassischer Moderne. Die drei Elfenbeinstatuetten antiker Gottheiten aus dem Permoser-Umkreis (120 000 Euro) steuert Laue bei, die 1957 aus blaugrünem Serpentin gefertigte Abstraktion „Das Bein des Dionysos“ von Josef Pillhofer (37 500 Euro) kommt von Mehringer.

Reich präsentiert sich die Auswahl spätmittelalterlicher Skulpturen. Sam Fogg (London) zeigt einen dem niederbayerischen Meister von Rabenden zugeschriebenen Auferstandenen (500 000 Euro). Senger (Bamberg) überzeugt mit zwei Salzburger Kalksandsteinfiguren des frühen 15. Jahrhunderts: einer rührend intimen Anna Selbdritt (225 000 Euro) und einer Pietà (165 000 Euro). Bernhard Decker (Frankfurt) bietet eine Kölner Thronmadonna: Das um 1340 entstandene Holzbildwerk soll aus der Kollektion von Alexander Schnütgen stammen. Wohin das Auge schweift: Meisterwerke massenhaft. Wie die Ende Mai in der Villa Grisebach für gut 76 000 Euro brutto zugeschlagene Holzbüste eines Satyrn des jungen Christian Daniel Rauch, die nun bei Neuse (Bremen) 125 000 Euro kostet. Oder der Pietro Tacca zugeschriebene Sebastian aus vergoldeter Bronze, für den Daniel Katz (London) stolze 185 000 Euro aufruft. Eine weitere Version der unschlagbar artifiziellen kleinen Barockskulptur steht im Bode-Museum. Schön wie ein Gott baumelt der gemarterte Heilige am Baumstamm. Mehr dritte Dimension geht nicht.

Sculptura – European Sculpture Fair, Schlüterhof des DHM, Unter den Linden 2; bis 16.11., tägl. 10–18 Uhr.

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