Kunststudierende in Weißensee unterstützen Flüchtlinge : Freunde und Helfer

In Zeiten von Terror und Krieg heißen Studierende der Kunsthochschule Weißensee Flüchtlinge willkommen – und beleben damit auch die Idee von der politischen Kunst neu.

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Wo gibt es günstige Kleidung? Teilnehmer eines Workshops in Weißensee entwickeln eine Flüchtlings-App, die praktische Fragen beantworten soll.
Wo gibt es günstige Kleidung? Teilnehmer eines Workshops in Weißensee entwickeln eine Flüchtlings-App, die praktische Fragen...Foto: Sebastian Jehl

Man könnte auf den Gedanken kommen, die Studierenden der Kunsthochschule Weißensee würden sich auf Joseph Beuys berufen. Tun sie nicht. Aber was ist es dann, was sie da machen, wenn nicht das, was Beuys als „Soziale Plastik“ beschrieben hat? Also Kunst, die unsichtbar ist, weil kein Objekt gemeint ist, sondern eine Aktion, die der Gesellschaft dient. Vor drei Semestern haben zehn Studierende und einige Mitstreiter die Initiative „Kommen und Bleiben“ gegründet. Sie wollen Flüchtlinge oder Neu-Berliner, wie sie sie nennen, willkommen heißen. Willkommenskultur, wörtlich gemeint.

„Kann jemand weiterhelfen?“, fragt Christine Hausen in die Runde. Es ist Montagmittag, jede Woche treffen sich die Macher des Projekts. Themen besprechen, Neues erfinden, Probleme klären, Lösungen finden. So wie jetzt. Negar, eine Iranerin, die mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen ist, interessiert sich für ein Praktikum im künstlerischen Bereich. Sie wohnt in einem Flüchtlingsheim in der Nähe der Hochschule. Vergangenen Sommer hat sie einen Knüpfworkshop an der Hochschule gegeben und gezeigt, wie man mit wenig Aufwand und wenig Geld Teppiche von Hand herstellen kann. In ihrem Heimatland war sie Lehrerin für Handwerkstechniken. Der Raum war damals so voll, dass einige Kursteilnehmer stehen mussten. Negar bot Talente, die in Weißensee nicht gelehrt werden.

Die Gründer von „Kommen und Bleiben“ haben ein Motto: Wir sind keine Helfer. Und Geflüchtete keine Opfer. Wir sind Berliner. Deshalb laden sie Flüchtlinge zu sich auf den Campus ein, damit sie von ihnen lernen können. „Seegewohnheiten“ heißt das Projekt, eines von mehreren, das die Studierenden in den letzten drei Semestern angestoßen haben. So arbeitet Florian Huss mit Mitstreitern an einer App für Neu-Berliner. Viele Flüchtlinge besitzen Smartphones, das haben er und seine Kommilitonen beobachtet. Sie sind Kontakt in die Heimat und kostbarer Erinnerungsspeicher mit Fotos von zu Hause und von der Flucht. Die App soll ein handfester Guide werden, der Antworten gibt: Wie gestaltet sich der Asylprozess? Wo kaufe ich günstige Kleidung? Wo gibt es Spielplätze? Wo Nachbarschaftsinitiativen? Die Bedürfnisse und Interessen der Flüchtlinge erarbeiten die Studenten in Workshops, später wollen sie Investoren suchen. „Am liebsten wäre es uns, wenn am Ende Flüchtlinge die App selbst programmieren würden“, erklärt Huss.

Fotos sind sehr wichtig, das haben die Kommilitonen erkannt

Die Bedeutung von Fotos, ob auf dem Handy oder im Geldbeutel, haben auch andere Kommilitonen erkannt. „Bei unserer Arbeit in der Notunterkunft in der Rennbahnstraße wurden wir immer wieder von Bewohnern zum Tee eingeladen. Dabei zeigten sie oft Bilder von sich, der Heimat oder der Familie“, erzählt Christine Hausen. So kam die Idee zu Begegnungen zwischen Geflüchteten und Menschen aus der Nachbarschaft, das Projekt hat noch keinen Namen. So läuft es ab: Ein Grüppchen von sechs bis acht Leuten. Jeder hat vier persönliche Fotos dabei, die ihm etwas bedeuten. Zunächst werden alle auf den Tisch gelegt. Dann darf jeder eines herausfischen. Und muss sich erklären, warum er es ausgesucht hat. Ein erstes Gespräch entsteht, vom Allgemeinen ins Private. Ein Übersetzer hilft. „Hände und Füße gehen aber auch immer und können durchaus sehr ausdrucksstark sein“, sagt Christine Hausen. Sie studiert Textil- und Flächendesign. Was das mit ihrem Engagement zu tun hat? „Wir verstehen Gestaltung eines Raumes nicht nur ästhetisch und funktional, sondern auch sozial“, sagt sie.

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