Kunstverein : Castro? Zu alt

Girlie-Feminismus im Neuen Berliner Kunstverein.

Jens Hinrichsen

Einer merkwürdigen Choreographie folgt dieser Spielmannszug auf einer Videoprojektion im Neuen Berliner Kunstverein: Gezeigt werden neun rot kostümierte Majorinnen auf einer Autobahnbrücke. Sie übersetzen mittels Schrittkombinationen und Handzeichen aus dem Schifffahrt-Winkalphabet einen Auszug aus dem 1912 geschriebenen „Manifest der futuristischen Frau“ von Valentine de Saint-Point. „Kehrt zu eurem erhabenen Instinkt zurück, zur Wildheit, zur Grausamkeit“, fordert die Verfasserin, die Marinettis Futuristisches Manifest von 1909 beantwortet.

Der Besucher der elektrisierenden Doppelausstellung von Anetta Mona Chisa aus Prag und Lucia Tkácová aus Bratislava muss freilich den Originaltext zur Hand nehmen. Die Künstlerinnen gerieren sich nicht nur im Fall des Futurismus-Feminismus als perfide Dolmetscherinnen, die ihr aus Geschichte oder Gegenwart entnommenes Material so lange durch die Übersetzungsmühle drehen, bis es auf schillernde Weise bildhaft wird.

Ob man das eisige Lächeln ihrer „Cheerleaderinnen“ im Minirock nun als Aufbegehren oder als Unterordnung unter männlich-militärische Regularien lesen will: Konsequent wie wenige andere osteuropäische Künstler nehmen Chisa/Tkácová den aufreibenden Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus aufs Korn. Auf dem Kunstmarkt wirkt sich einerseits ihre „Ost-Biographie“ hemmend aus, andererseits die banale Tatsache, dass sie Frauen sind. Das doppelte Stigma wird von Chisa/Tkácová mit Witz und Chuzpe zum Gegenstand der eigenen Kunst erhoben.

Kriminellen Energien lassen sie freien Lauf: In einer Vitrine, als eine Art Mahnmal des Banalen in den Boden eingelassen, präsentieren die Künstlerinnen Gegenstände, die sie aus renommierten Galerien zwischen Berlin und New York zusammengeklaut haben: Absperrkordeln, Schlüssel, Notausgangsschilder. In der Videoarbeit „Dialectics of Subjection“ rauben sie der männlichen Spezies gar das Vorrecht auf sexistische Betrachtungsweisen: In eine Blümchenbettdecke gehüllt, plaudern Chisa und Tkácová wie Teenager über die erotischen Vor- und Nachteile diverser Gegenwartspolitiker. Ahmadinedschad? Ziemlich sexy. Castro? Zu alt. Koizumi? Eine schwache japanische Kopie von Richard Gere.

Ähnlich respektlos macht sich das Duo anhand einer Zettelwand voller Listen über die im Kapitalismus beliebte, auf Statistik beruhende 80/20-Regel lustig. Simplify your Life. Mit einem Mitteleinsatz von 20 Prozent, heißt es, könnten 80 Prozent aller Probleme gelöst werden. Fest steht: Falls Chisa und Tkácová der Durchbruch in der von Männern dominierten (West-)Kunstszene gelingt, wird das nicht Wahrscheinlichkeitsgesetzen, sondern der Intelligenz und dem Einfallsreichtum der Künstlerinnen zu verdanken sein.

Neuer Berliner Kunstverein, Chaussee straße 128/129, bis 15. 2.; Di-So 12-18, Do 12-20 Uhr. Katalog 19,80 Euro.

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