Kunstverein Hannover : Doktor Frankenstein geht in den Schneideraum

Kunst und Film sind auf Festivals schon lange ein erfolgreiches Gespann. Nur die Museen zögern noch. Eine vielversprechende Ausstellung wird dafür ab 11. Januar in Hannover zu sehen sein.

Jens Hinrichsen
Und Schnitt! Filmstill aus der Installation "Cut".
Und Schnitt! Filmstill aus der Installation "Cut".VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Gestern im Blockbuster: Während einer Aufführung des neuen Hobbit-Films wird „Smaugs Einöde“ zur Party-Location. Die jugendlichen Kinogänger üben Popcornweitwurf oder demonstrieren die Leuchtkraft ihrer mobilen Displays. Wohl nie in der Geschichte des Kinos mussten massenkompatible Filme so um die Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer kämpfen wie heute. Kein Wunder, dass das Kino im Gegenzug immer mehr aufrüstet: mit Schnittkanonaden, bombastischem Sound und 3D-Technik. Ist das noch Kino oder schon Kidnapping?

Es gibt ja Alternativen. Der Fernseher verliert seinen Ruf als Konservendose für Produktionen, die im Kino keiner mehr sehen will. Brandaktuelle Serien und Filme ohne Kinostart laufen über den Schirm, als Erstausstrahlung, von der Blu-Ray oder aus dem Internet. Eine weitere kinematografische Parallelwelt entsteht seit Jahren in Museen und anderen Kunstinstitutionen. Ein Beispiel: Die Berliner Galerie Neugerriemschneider bietet in ihrer Schau „Seven films about time and space“ (Linienstr. 155, bis 15. Februar) mit Künstlerfilmen von Olafur Eliasson, Sharon Lockhart oder Ai Weiwei zwar komplett andere Filmerlebnisse als die Cineplexe der Umgebung, aber es deutet sich eine Annäherung von Filmfestivals und Kunstorten an. „Stemple Pass“ (2012), James Bennings zweistündiger Filmessay über den Unabomber Ted Kaczynski, lief auf der letzten Berlinale und jetzt bei Neugerriemschneider.

Das schwache Angebot an Filmarbeiten im Berliner Museumsprogramm verwundert

Spätestens seit Dokumentarfilme wie Gianfranco Rosis „Sacro GRA“ auf Festivals als Sieger hervorgehen – in Venedig holte er 2013 den Goldenen Löwen – und bildende Künstlerinnen wie Miranda July („The Future“, 2011 im Berlinale-Wettbewerb) in der Hauptschiene vertreten sind, zeigt sich die Durchlässigkeit der globalen Filmkultur. Im Forum Expanded der kommenden Berlinale sollen deshalb kaum noch Kategorien wie Dokumentar-, Spiel-, Experimental- oder Kunstfilm gelten, sondern es ist nur noch die Rede von einer „zeitgenössischen Filmsprache“, die der komplexen Erfahrungswelt der Künstler entspreche. Diesmal stehen Filme von Omer Fast, Dani Gal oder Amie Siegel auf dem Programm.

Angesichts solcher Öffnung der großen Festivals Richtung „Expanded Cinema“ verwundert das schwache Angebot an Filmarbeiten im Berliner Museumsprogramm. Die Christoph-Schlingensief-Ausstellung in den Kunst-Werken (Auguststr. 69, bis 19. Januar) kann die magere Jahresbilanz kaum aufbessern. Im Hamburger Bahnhof war 2013 praktisch kein filmisches Werk zu sehen, abgesehen von einer Berlinale-Kooperation mit dem brasilianischen Künstler Hélio Oiticica im Februar. Auch die Berlinische Galerie – trotz der Schlenker zum Video bei von K. H. Hödicke und Tobias Zielony – zeigt erst im kommenden Monat wieder Filme: Wiederentdeckungen aus dem Nachlass der queeren US-Avantgardefilm-Ikone Jack Smith. Außerdem lädt dann das Museum zum Kongress „Think:Film“. Beide Programme wurden allerdings vom Forum Expanded der Berlinale initiiert.

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