Kultur : Kurkow und Herassymiuk: Absturz eines Hamsters

Thomas Fitzel

Die Motorradeskorte stand schon mit blinkendem Blaulicht bereit, als der Gast mit dem Abendflugzeug aus Kiew in Tegel eintraf, wo ihn ein Wagen der ukrainischen Botschaft abholen sollte. Die Eskorte galt einem anderen, und die erhoffte schwarze Limousine entpuppte sich als ein Volkswagen. Den viel reisenden Autor Andrej Kurkow trifft man am besten auf dem Weg vom Flughafen ins Forum-Hotel. Man fragt sich, wann er all seine Bücher schreibt. Ins Deutsche sind zwei seiner Romane übersetzt, aber ebenso in andere Sprachen, zuletzt ins Chinesische. Ganz selbstverständlich unterhält er sich mit einem auf Deutsch. Wieviel Sprachen er sonst noch spricht, sieben oder elf, möchte man gar nicht so genau wissen. Der Mann ist schließlich noch nicht einmal vierzig! Andrej Kurkow ist ein Weltbürger, der überall leben könnte. Ende der Achtziger wohnte er in London. Doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kehrte er nach Kiew zurück - er wollte nicht Ausländer werden - und "die Sowjetunion, emigrierte in die Geschichte."

Ein neues Land entstand: die Ukraine, ein Land mit langer Geschichte, das sich als Staat dennoch neu erfinden musste. Kurkow, in Leningrad geboren, sagt: ich bin Ukrainer. Und er liebt seine Heimatstadt Kiew. Aber nicht wenige seiner ukrainischen Kollegen sehen ihn nicht als einen der ihren an. Denn Kurkow schreibt seine Bücher auf Russisch.

Kulturpolitik ist in Osteuropa vermintes Terrain. Diplomatisches Geschick benötigten auch die deutschen Partner bei der Organisation der ukrainischen Kulturtage, die in diesen Tagen in mehreren deutschen Städten, darunter auch Berlin, veranstaltet wurden. Eine Ungenauigkeit in einer Pressemitteilung konnte hier gleich zum Affront werden. Bei einer Berliner Lesung mit Wassyl Herassymiuk fragte den Lyriker dann auch eine des Russischen mächtige Deutsche, warum er denn nicht auf Russisch dichte, das verstünden doch sehr viel mehr Menschen. Man hätte fast glauben können, dass diese Frage verabredet war: Sie bot ihm die Gelegenheit zu einem flammenden Plädoyer. Würdevoll stand er auf, knöpfte sich, bevor er zu sprechen begann, das Jackett zu und strich sich über den dichten, schwarzen Schnurrbart. In der eigenen Sprache zu schreiben, bedeute ihm mehr als alles andere, mehr sogar als die Religion. Wieviel Leser er habe, das sei zweitrangig.

Ganz anders Kurkow. Für seinen ersten nicht im Untergrund, dem Samisdat, entstandenen Roman lieh er sich von seinen Freunden rund 25 000 Dollar, kümmerte sich um jede Einzelheit - von den Eisenbahnschaffnern, die für den Transport erst des Papiers und dann der Bücher verantwortlich waren, bis zur Zahlungsfähigkeit der Buchhändler. Auf den städtischen Omnibussen ließ er Werbung anbringen, die seinen Roman als Bestseller anpriesen, noch bevor er überhaupt auf dem Markt war. Und da eher Krimis verkauft werden, verpackt er seine philosophischen Ideen eben in einem spannenden Plot. In jedem seiner Romane spielen kuriose Tiere eine Rolle, was wohl damit zusammenhängt, dass er als Kind viele Haustiere besaß, die alle ein tragisches Ende nahmen. So schrieb er mit sieben Jahren sein erstes Gedicht auf seinen letzten von fünf Hamstern, bevor dieser vereinsamt vom Balkon stürzte. Das nächste Gedicht galt schon Lenin.

Herassymiuks Eltern, die dem Hirtenvolk der Huzulen angehörten, waren von Stalin aus ihrer Heimat, den Waldkarpaten, nach Kasachstan deportiert worden, wo er auch 1956 geboren wurde. Noch bis in die fünfziger Jahre setzten in den Karpaten antikommunistische Partisanen, geführt von Stepan Bandera, ihren Zweiten Weltkrieg fort. Heute als Helden verehrt, werden in Lemberg und anderen ukrainischen Städten Straßen und Plätze nach ihnen benannt, ungeachtet der Tatsache, dass sie Pogrome an Juden verübten und in Wolhynien Abertausende polnische Zivilisten massakrierten.

Nach dem zwanzigsten Parteitag 1956 durften die Huzulen in ihre Heimat zurückkehren. Aus ihrer Kultur, ihren Mythen vermischt mit den apokryphen Schriften der Bibel sowie der Apokalypse schöpft Herassymiuk seine bildmächtigen, an Rilke und Lorca orientierten Gedichte. Er sucht nach den Ursprüngen der ukrainisch huzulischen Kultur. Geschichte wird dabei vorwiegend als leidvoll erfahren: als Geschichte des Widerstands gegen die russische Unterdrückung von Zaren bis Bolschewiken.

Blüten des Nationalismus

Die Huzulen seien ein besonderes reines Volk, sagt Herassymiuk, in ihnen verkörpere sich am ursprünglichsten die ukrainische Kultur. Reinheit, Homogenität, das Eigene und eine antirussische Haltung sind ihm leitende Kategorien. Weil man lieber das Eigene bestätigt, blieb man, schon bedingt durch den abseitigen Veranstaltungsort, unter gleichgesinnten Exilukrainern, wo man mit viel deklamiertem Pathos und einer Hymne auf das Vaterland sich verabschiedete.

Kurkow las im voll besetzten Podewil vor einem literarisch interessierten Publikum. Herassymiuk repräsentiert die Renaissance des ukrainischen Nationalbewusstseins, aber dass diese Identität durch vielfältige Widersprüche geprägt ist, wollen viele nicht wahrhaben, noch nicht einmal, dass ihre Ikone der ukrainischen Nationalliteratur, Taras Schewstschenko, selbstverständlich viele seiner Werke in Russisch verfasste.

Diese Blüten des übersteigerten Nationalismus spießt Kurkow sehr ironisch in seinem Roman "Petrowitsch" auf. In den heimischen Kritiken zu seinem Buch umging man das diskret. Aber Kurkow geht es um ihn selbst. Er besteht darauf, dass er genauso zur ukrainischen Kultur gehört, ebenso wie Josef Burg aus Tschernowtzy, der auf Jiddisch schreibt, ein Krimtartare oder sonst ein Vertreter der unzähligen Minderheiten im Land. Selbst von den rund siebzig Prozent der Einwohner, die sich als ethnische Ukrainer verstehen, sprechen längst nicht alle Ukrainisch.

Andrej Kurkow ist optimistisch, was sein Land angeht. Viele Intellektuelle distanzierten sich wieder von ihrer nationalistischen Phase, und eigentlich könne man "happy" sein, denn es kam nicht wie in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken zu Bürgerkriegen.

Andrej Kurkows Romane "Picknick auf dem Eis" und "Petrowitsch" sind im Diogenes Verlag erschienen. Übersetzungen der Gedichte von Wassyl Herassymiuk werden in dem exilukrainischen Brodina-Verlag, Reichelsheim, erscheinen.

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