KURZ  &  KRITISCH : Drei auf einen Streich

Viel los in Berlin: Eine Kinderoper im Schillertheater, eine Ausstellung in der Galerie Weißer Elefant und ein Klima-Konzert mit Enoch zu Guttenberg

OPER

Bssst: Das tapfere Schneiderlein in der Schillertheater-Werkstatt

Da hat das hungrige Schneiderlein der Marmeladenverkäuferin händeringend einen Fingerhut voll Fruchtmus abgeluchst und dann das: Sss. Bssss. Insekten – imitiert von elektroakustischer Musik – machen ihm die mickrige Mahlzeit madig. Sssst! Und batsch, hat er sie erwischt. „Sieben auf einen Streich“, flüstern die Kinder im Publikum. Diese Szene der von Wolfgang Mitterer komponierten Kinderoper „Das tapfere Schneiderlein“ ist ihnen wohlbekannt. In der Inszenierung von Maximilian von Mayenburg feiert das Stück für Menschen ab sechs Jahren am Sonnabend Premiere in der Werkstatt des Schillertheaters (weitere Aufführungen bis 30. Dezember).

Dem jungen Publikum gefällt, wie Benedikt Kristjánsson sich als Schneiderlein dicht an den Zuschauern vorbei warm boxt und einen wuchtigen, brabbelnden, dampfenden Kühlschrank im Steinewerfen überlistet. Vor dem grunzenden Wildschwein Robert Schär verstecken sich Kristjánsson und kleine, ängstliche Zuschauer im Publikum. Glamourös daher kommt Jakob Ahles: Auf Plateauschuhen, mit ABBA-artigen Trompetenhosen und Riesen-Elvis-Tolle gibt er das Einhorn mehr für die Erwachsenen – Schneider und Fabelwesen singen mit „Mehringdamm“- und „Kaiserdamm“-Soli gegeneinander an.

Verzaubert werden die Kleinen dabei von durch den Raum wirbelnden Glitzersternchen.
Am Ende der Vorstellung sind alle aufgesammelt und in den Handtaschen der Mütter verstaut. Aber auch die anderen Requisiten werden bestaunt und befingert – wann ist das im Theater schon mal möglich? Und für den Nachklapp zu Hause bietet ein kreativ gearbeitetes Begleitbuch viele schöne Ideen. Michaela Grimm

KUNST

Modell-Wohnen: Matthias Stuchtey in der Galerie Weißer Elefant
Angesichts der galoppierenden Immobilienpreise kommt Matthias Stuchteys Ausstellung in der kommunalen Galerie Weißer Elefant (Auguststr. 21, bis 22. 12.; Di bis So 13 – 19 Uhr) gerade recht. Wo und wie, so lautet die Frage, wollen wir wohnen? Und: Können wir uns das leisten? Stuchtey baut Modelle von Häusern, aus Material, das sonst für Inneneinrichtungen verwendet wird – etwa aus Holz und MDF-Platten. Sogar Apfelsinenkisten und ganze Fertigkommoden hat der 1961 geborene Berliner Künstler zersägt, verleimt, verdübelt, verschraubt. Die kleinen Plastiken zitieren die Formsprachen zeitgenössischer Architektur: neubürgerliche Townhouses, japanische Kleinsthäuser oder Gececondular in Istanbul. Jedes Gebäude ist nur ein Modul.

Stuchtey montiert die Einheiten aneinander – passgenau wie ein Fries auf eine Wand oder an schräg zwischen Decke und Boden geklemmte Aluminium-Vierkantrohre. So präsentieren sich die Häuser dem Betrachter buchstäblich auf Augenhöhe. Niemand kann sie, wie bei Architekturmodellen üblich, aus der Vogelperspektive beurteilen. Stattdessen schaut man direkt zu Tür- und Fensteröffnungen herein.

Die Frage, ob man so leben will, drängt sich damit geradezu körperlich auf. Eine Antwort findet sich schnell: Stuchteys abstrahierte Formen betonen den Charakter der jeweiligen Architektur, mal ausladend, mal abweisend, mal prekär. Die Frage, ob wir uns solch ein Wohnen leisten können – städtebaulich, klimabilanzierend, finanziell –, beschäftigt dann doch etwas länger. Claudia Wahjudi

KLASSIK

Hold: Enoch zu Guttenberg beim Klimakonzert der Staatskapelle
Ironie geht Enoch zu Guttenberg bei seinem etwas altväterlichen Appell zum Umweltschutz nicht ab. Seine Notizen zückt er mit den Worten: „Die Familie hat’s nicht so mit dem Zitieren.“ Auch Haydns Ironie ist unverkennbar bei der detailgenauen Wiedergabe von Naturphänomenen in seinen „Jahreszeiten“. Doch der Thematik fühlt man sich heute zeitlich entrückt. Es rühren viel unmittelbarer die herzige Einfalt, idyllische Arien und schwungvollen Chorsätze – und stets geistern Händel, Mozart und Beethoven durch den Raum. Volle Identifikation mit dem grandiosen Jubel über die Natur? Schwer vorstellbar.

Treffsicher setzt hier das Klima Konzert an – denn genau diesen Umstand thematisiert die Stiftung Naturton der Berliner Staatskapelle und führt vor Augen, wie weit sich der moderne Mensch von der Natur entfremdet hat. Zu Guttenbergs überaus zärtliche Interpretation des Oratoriums hilft dabei, die Natur mit den Augen Haydns zu sehen. Wunderbar leicht wie ein Frühlingswind säuselt die Chorgemeinschaft Neubeuern „Komm, holder Lenz“ durch die Gedächtniskirche, mit fortschreitendem Jahr beginnt Carolina Ullrichs glockenreiner Sopran zu lodern, und die jugendliche Frische von Jörg Dürrmüllers lyrischem Tenor lässt heile, prä-industrialisierte Welten auferstehen. Dem ausgewogenen Solistenensemble setzt zu Guttenberg eine gestochen scharfe Orchesterbegleitung entgegen, als gelte es, jeden Regentropfen und jedes Blatt am Baum einzeln zu zeichnen. Tatsächlich verwandelt sich hier der naive Reigen des Wohlgefallens zum beschämenden Mahnmal, bedenkt man, dass all das auf dem Spiel steht, was Haydn in diesem an Einfallsreichtum und Hingabe überbordenden Oratorium ehrfürchtig und liebevoll verherrlicht. Barbara Eckle

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben