Kurz & Kritisch : Glut und Flammen

Mischa Maisky und Martha Argerich in der Philharmonie.

Carsten Niemann

Mit diesen beiden möchte man jetzt besser keinen Streit anfangen: Nicht mit Martha Argerich, die mit schlurfend-schleichendem Gang die Philharmonie betritt und dabei wie magisch von ihrer Beute, dem Steinway-Flügel, angezogen zu werden scheint. Und auch nicht mit dem löwenmähnigen Mischa Maisky, der durch langsam-bedeutungsvolles Heben des Cellobogens das vielköpfige Ungeheuer namens Publikum so hypnotisiert, dass diesem das Husten im Halse stecken bleibt. Kein Wunder, dass man bei Beethovens Variationen über Mozarts „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ am Ende mehr an Don Giovanni als an den Prinzen aus der Zauberflöte denkt – einen Don Giovanni, der denn auch alle zarten, drängenden, glutvollen Regungen, die Maisky und Argerich bereits in das Thema packen, ausleben wird. Grandios fegen die beiden darauf in Griegs a-Moll-Cellosonate alle Klischees von kühler nordischer Musik hinweg: Mehr als einmal meint man Munchs Schrei zu hören, bevor Maisky und Argerich im Mittelsatz doch noch den Weg von tiefer innerer Unruhe zu einem „tranquillo“-Schluss in überirdisch tragendem Pianissimo aufzeigen. Schade nur, dass Maisky die körperliche Energie der Tanzrhythmen des letzten Satzes etwas zu emotional deutet – im Vergleich mit dem vorausgegangenen inneren Drama fällt das Finale dadurch etwas ab.

Von größter innerer Geschlossenheit ist dafür die zweite Programmhälfte: Mes siaens „Lob auf die Unsterblichkeit Jesu“ aus dem „Quatuor pour la fin du temps“ trifft hier auf die Cellosonate op. 40 des Sowjetbürgers Schostakowitsch. Unter vielen Klangfarbenwundern ist es besonders die Achtsamkeit für das Bassregister, welche die Brücke zwischen beiden Werken spannt: Da geistern Orgelklänge aus Obertönen durch den Raum, der tiefste Klavierbass beginnt in warmen Brusttönen zu atmen, spiegelnde harte Steinoberflächen werden durch das Cello in flammende Holztöne eingefasst. Als Zugabe erklatscht sich das Publikum drei fieberhaft konzentrierte Fantasiestücke von Schumann und das Largo aus Chopins g-Moll-Sonate, gespielt als zartes Requiem auf Maiskys Lehrer Rostropowitsch. Hartnäckiger Jubel, der den Künstlern ein entspanntes Lächeln ins Gesicht zaubert. Jetzt könnte man sie umarmen. 

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