Kultur : Kurz vorm Verschwinden

KNUT EBELING

Wenn man fragt, was unter der Rubrik "Zeichnung der neunziger Jahre" zu verstehen wäre, so fällt einem zunächst nicht viel ein.Skulptur und Fotografie der Neunziger, okay - aber Zeichnung? Die Zeichnung der neunziger Jahre müßte zugleich körperbezogen und äußerlich sein, sie müßte glatt und zerbrechlich sein, avanciert aber lesbar.Diese Merkmale treffen auf Douglas Kolk und Susan Turcot zu, die derzeit gemeinsam eine Ausstellung bei Arndt & Partner haben.

Die Zeichnung des 35jährigen Amerikaners Douglas Kolk ist von einer lässigen Zerbrechlichkeit bestimmt, die sein Werk seit Beginn der neunziger Jahre durchzieht.Kaum scheinen die Figuren das Papier zu berühren, auf dem sie einen temporären Aufenthaltsort finden; seine mit wenigen Strichen angedeuteten Stereotypen existieren wenige Schritte vom Verschwinden.Auch die zumeist jugendlich-androgynen Akteure Kolks sind von einer Atmosphäre aus Bedrohtheit und Unsicherheit getrieben.Jeder stiert aus seinen tief in den Höhlen verlorenen Augen wie aus der Distanz eines unergründlichen Schicksals.

Hier sitzt ein Girl im Trikot telefonierend in einer Ecke, dort ein Boy in Army-Klamotten auf dem rosafarbenen Sofa: Knallig wie bei David Hockney, handelt es sich bei Kolk aber um mit Mode ausstaffierte Kadaver.Gewiß, man könnte die Zeichnungen von Douglas Kolk über die Hips und Trends der Jugendkultur entsorgen.Es gibt Szenen aus dem Leben einer futuristischen Bohème, deren Lebensgefühl bunt und ungewiß ist wie in Antonionis Film Blow Up.Doch egal wie kosmisch oder spacig seine Figuren wirken, am Ende werden sie doch von Tod und Tragik eingeholt, die das Werk Kolks schon früh bezeichnen.In einer Zeichnung trifft "a boy named death" auf ein "girl named sic."

Über die morbiden Wortspielereien hinaus trifft man immer wieder auf eine gewisse Gebrochenheit seiner Charaktere, die von seinem feinen Strich aufgenommen wird.Er durchzieht sie wie ein nervöser Sprung.Die traumatisierte Überspanntheit ist allen seinen Figuren eigen.Man hat in diesen Zeichnungen stets das Gefühl, als wolle man in eine neue Zeit aufbrechen, wobei man auf der Reise merkt, daß irgendetwas schiefgelaufen ist - ohne zu wissen, was.

Die jüngsten Zeichnungen Kolks kehren zu den heftigen Anfängen zurück.Während die immateriellen Arbeiten aus der Mitte der neunziger Jahre aus einem kleinen Format auf größere Formate aufgeblasen wurden, besinnt sich Kolk jetzt wieder auf sein Urformat.Bereits Anfang der Neunziger hatte Kolk wütend und manisch Buchstaben und Bedeutungen rabenschwarz übermalt und Menschen zu Monstern gemacht.Bald darauf waren seine Arbeiten in der Galerie Arndt & Partner zu sehen, die alle Werkphasen begleitete.Nachdem man 1992 mit der ersten Einzelausstellung von Kolk eröffnete, läßt man es sich nun nicht nehmen, den vierten Geburtstag der Galerie mit ihrem ersten Schützling zu feiern (bis 1900 DM).

Kolk zur Seite gesellen sich einige Arbeiten der in Berlin lebenden Kanadierin Susan Turcot.Ihre postsurrealistische Zeichenkunst läßt Räume ebenso kippen wie Kolk Bedeutungen.Mit wenigen konzentrierten Strichen überführt sie einen Innenraum in einen Außenraum in einen Innenraum, wobei sich Körper und Räume gegenseitig durchdringen.Die Räumlichkeiten sind nicht definierbar, genausowenig wie der Status der Linie klärbar ist (900 DM).Es sind diese Bewegungen unablässigen Changierens zwischen Abstraktion und Konkretion, nah und fern, Schärfe und Diffusion, die die Zeichnung der neunziger Jahre bestimmen.Ihr unqualifizierbarer Charakter entzieht sich jeder eindeutigen Festlegung und nimmt dem Blick den Boden.Abgründig ist auf diesen Zeichnungen weniger das Abgebildete als der Modus ihrer Abbildung - es geht um Strukturen, die, wie Michel Foucault einmal sagte, "gleichzeitig nicht sichtbar sind und nicht verborgen".

Galerie Arndt & Partner, Auguststraße 35, bis 16.Januar; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr.

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