Kultur : Kurzmeldungen

Was heißt, bewusst zu leben? Wo beginnt das Reich der menschlichen Freiheit? Ein Gespräch mit dem Philosophen Dieter Henrich über Amüsement und Krise, über Existenz und Denken. Morgen erhält er den Kant-Preis „Auch Gott ist nur ein Wort“

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Herr Henrich, im Zentrum Ihrer Philosophie steht eine Theorie der Subjektivität, die für den Menschen mit einiger Anstrengung verbunden ist. Sie fordern ihn auf, „bewusst“ zu leben: denkend, nachdenkend…

Wir müssen da unterscheiden: Wenn ich von „bewusstem Leben“ spreche, meine ich zunächst die Frage, was es mit mir auf sich hat. Das ist unabweisbar, das ist unser Leben und unterscheidet uns von den Tieren, die sich diese Frage wohl nicht stellen. Aber dann ergibt sich eine Offenheit. Wir können ganz verschiedene Antworten finden und dem Leben eine Erklärung oder Sinnbestimmung zuordnen – und sei es nur die, dass es keine weitere gibt als die unausweichliche des faktischen Lebensvollzugs.

Das wäre der Fatalismus von Gottfried Benn, dessen Gedicht „Nur zwei Dinge“ den Schluss zieht: „es gibt nur eines: ertrage / ob Sinn, ob Sucht, ob Sage – / dein fernbestimmtes: Du musst.“

Bei Benn hat dieses „Du musst“ tatsächlich diese eine bestimmte Bedeutung: dass das Leben, das wir zu führen haben und in dem wir in Situationen geraten, die uns die Sinnfragen stellen lassen – dass diese gesamte Lebensführung nichts weiter ist als der Vollzug einer faktischen Notwendigkeit. Dass also jede Frage nach dem Weshalb? Woher? Wozu?, die dem Lebensvollzug eine Bedeutung geben könnte, ins Leere geht. Ich meine aber, dass das nur eine Möglichkeit ist, auf die hin wir uns verstehen können. Und dass wir verschiedene Antworten erwägen müssen, zumindest in Gedanken erproben.

Aber müssen wir die Sinnfragen denn überhaupt stellen? Was sagen Sie denen, die sich weigern?

Ich würde sie darauf aufmerksam machen, dass darin eine Abblendung dieser Fragen liegt. Und weiter fragen: Warum werden sie abgeblendet? Wenn ein Mensch in einer offenbar gewichtigen Sachlage sagt, dass er etwas nicht wissen will, dann hat er Angst vor dem, was es da zu wissen gibt. Insofern kann man sagen: Dieses Nichtwissenwollen ist eine Schutzmaßnahme gegenüber einer Abgrunderfahrung, die man irgendwie schon gemacht hat und in die man nicht definitiv hineingezogen werden will. Es ist auch eine Form „bewussten Lebens“, die in der inneren Konsequenz des „bewussten Lebens“ liegenden Fragebewegungen zu stornieren. Und das ist sicherlich etwas, was es im Alltag vielfach gibt.

In Ihrem „Versuch über Kunst und Leben“ schreiben Sie der Kunst eine Lebensbedeutung zu. Was ist gemeint, wenn Sie von deren „Resonanz“ im Leben sprechen: etwas wie Hilfe oder Beistand?

Das Leben müssen wir selbst führen. Aber Kunstwerke können in unser Leben hineinsprechen. Und meine These in dem Buch ist die, dass sie die Dynamik des Lebens vergegenwärtigen können. Eine Symphonie zum Beispiel – die spricht nicht über diese Dynamik, sondern inkorporiert sie: Sie bringt die Lebensbewegung, die verschiedenen Stadien, die wir durchlaufen, in eine Gestalt. Das kann nur die Kunst. Philosophie muss über ihren Gegenstand sprechen. Sie klärt auf, legt Rechenschaft ab, bleibt aber dabei verweisend. Sie ist eben das, was zu Bewusstsein bringt...

...während Kunst die Sinne anspricht, uns also eine Zeit lang von der Anstrengung des „bewussten Lebens“ entlastet.

Gut, das ist eine Möglichkeit. Die aber dann nicht mehr funktioniert, wenn es wirklich dramatisch ist.

Dann denkt man auch nicht.

Doch.

Wenn man den Tod eines geliebten Menschen erfährt?

Dann denkt man. Sie geben dieser Situation doch ein Bedeutungsgewicht, das ein unbedingtes Gewicht ist.

Sprechen Sie in diesem Sinn von „letzten Gedanken“?

Ja. Das sind solche Gedanken, in denen man wirklich ein Resümee zieht. Sie sind unüberbietbar in der Wahrheitsordnung und können von keinem anderen Gedanken mehr so bedroht werden, dass dieser mein Leben dann noch irritieren könnte. Wir sprachen vorhin über die Freiheit des Willens. Es gibt eine andere Freiheit, die ein Zustand ist: Ich komme zu einer Einsicht, in die ich alles einbringen kann, was ich bin und was mir wesentlich ist. Ich ziehe eine Summe meiner Lebensführung, die mich nicht bedrückt und bedrängt. Das ist dann eine Freiheit im Bewusstsein.

Eine Gestimmtheit?

Eine Gestimmtheit kann mit den Tageszeiten wechseln. Es ist mehr: eine Grundstimmung, die sich durchhält. Die Religionen stellen allen Menschen einen solchen Zustand in Aussicht, den sie Erlösung oder Erleuchtung nennen. Aber das ist nun schon das größte Wort. Sprechen wir besser von einer Einsicht als Antwort auf etwas zuvor Erfahrenes und Durchlebtes. Die Benn’sche Formel, dass da nichts ist als das „Du musst“ ist eine derartige Einsicht, die sich zurückwendet in das, was vorher war. Die sagt: Alle diese Selbstdeutungen, in die ich geraten bin, sind „Sucht und Sage“ – Mittel zur Selbststabilisierung, die sich nicht bewahrheiten; sondern bewahrheitet ist nur das „Du musst“ am Ende. Aber die Einsicht wäre nicht das, was sie ist, wenn sie nicht zurückzuführen wäre auf „Sinn und Sucht und Sage“, mit denen man vorher experimentiert hat.

Sind „letzte Gedanken“ auch eine Art Versöhnung?

Ja, allerdings nicht im Sinn einer einfachen Beruhigung. Sondern einer Bilanz, die das Hinfällige des Lebens, das „Du musst“, akzeptiert – und darin etwas Wirkliches entdeckt, das von dieser Hinfälligkeit unberührt bleibt. Ich denke, dass alle Religionen von so etwas reden. Buddha sagt: dass man sieht, dass das Leben Leiden ist, ist die Bedingung der Erleuchtung; über dieses Wissen werde ich hinausgezogen zu etwas anderem...

Danach wollte ich fragen: Sie sind bekannt als Philosoph, dessen Denkweg die Namen von Kant, Hegel, Fichte markieren. Und nun begegnet man in Ihren Schriften auch des Öfteren Buddha.

Ja, es war mir wichtig, seine Lehre zu verstehen. Wer sich in der Tradition des deutschen Idealismus bewegt, sollte auch ein Interesse an den asiatischen Weisheitslehren haben, denn da ist etwas Gemeinsames. Für Kant gab es zwar nur den Zweitakt: Entweder man folgt dem Vernunftgesetz – oder man verletzt es. Aber schon die Kantianer haben eine Stadienlehre entwickelt. Nehmen Sie Schiller mit seiner „ästhetischen Erziehung“; und dann Fichte: „Die Bestimmung des Menschen“. Bei Hölderlin ist die Besinnung auf die Dynamik des Lebens, die durch Stadien führt, grundlegend. Und bei Hegel ist es ganz offensichtlich, dass die Einsicht nur über Stufen erreicht werden kann. Für ihn ist das sogar ein Modell für die gesamte Geschichte der Menschheit: Seine „Phänomenologie des Geistes“ ist ein solches Stadienmodell. Und dann Kierkegaard: Er hat die Stadientheorie zum Hauptthema seiner Philosophie gemacht. Die Verzweiflung als Ausdruck einer verdeckten nihilistischen Erfahrung des Menschen – das ist der Hintergrund, vor dem sich die Suche nach Lust abspielt. Kierkegaards Beispielfigur ist die des Don Giovanni, der immer schon absieht, dass alles ins Leere führen wird und doch im außengeleiteten, ästhetischen Stadium verharrt – während Kierkegaard davon ausgeht, dass weitere Stufen folgen...

... auf dem Weg in den Glauben. Auch Sie selbst würden sich nicht scheuen, von Gott zu sprechen?

Nein. Aber „Gott“ ist zunächst auch nur ein Wort. Wenn man etwas Absolutes annimmt, das der Fall ist und etwas mehr als das „Fernbestimmende“ bei Benn, darf man nicht denken, dass man schon beim monotheistischen Gott wäre. Man muss sich klarmachen, dass der monotheistische Gott eine Entwicklungsgeschichte hat, die im Nahen Osten beginnt. Man muss den Islam einbeziehen, Ägypten, Persien, China, den Buddhismus. Also wir dürfen nicht denken, dass der Monotheismus die einzige Möglichkeit einer Beziehung zum Absoluten ist. Und diese theoretische Dimension offen und in unserer philosophischen Verständigungsarbeit präsent zu halten, scheint mir eine wichtige Aufgabe zu sein.

Philosophie deshalb als Metaphysik, an der Sie festhalten?

Ja. Insofern ich davon ausgehe, dass Menschen „letzte Gedanken“ haben können, in denen sich ihr Leben sammelt. Und dass sie auch auf dem Weg oder auf der Suche nach diesem Weg sind, um zu ihnen zu gelangen.

Sie verweisen in diesem Zusammenhang einmal auf ein schönes Wort von Immanuel Kant: Ein jeder werde doch etwas von seiner Seele denken.

Ein Satz, in dem die Seele für Kant zum Ausdruck jeder Selbstbeschreibung wird, zu der das „bewusste Leben“ führt, wenn es sich dem Wissenwollen stellt und dabei zur Erkenntnis seiner Grundkonflikte gelangt.

Das klingt nach einer philosophischen Seelenverwandtschaft, die mit der aktuellen Kant-Renaissance anlässlich seines 200. Todestags nichts zu tun hat. Worin besteht aus Ihrer Sicht die bleibende Bedeutung des Kantischen Denkens?

Zunächst ist die Grundorientierung seiner Philosophie auf Subjektivität hin angelegt – vom „Ich denke“ bis zum Gedanken der unbegreifbaren Wirklichkeit der Freiheit. Und dann ist von Kant zu lernen, was die Philosophie leisten muss: wie weit und in welche Richtungen wir philosophische Gedanken auszubilden haben. In jeder anderen Durchgliederung der Philosophie, die Platons ausgenommen, erfahre ich mich als in meinem Verstehen beengt. Kant dagegen wird durch seinen unverkürzten Anspruch, verstehen zu wollen, zum unverzichtbaren Vorbild einer tief durchdachten Zuordnung aller Dimensionen philosophischen Denkens. Und das hat Bestand.

Noch einmal zur praktischen Dimension Ihrer Theorie der Subjektivität: Sie unterscheiden Epochen, in denen die Entfaltung der Subjektivität unterstützt wird, von Zeiten, die sie eher unterdrückt: Was sagen Sie zur Gegenwart? Und wie sehen Sie die Zukunft des „bewussten Lebens“?

Wir stehen in einer Tradition der Subjektivität, und gleichzeitig ist sie gefährdet. Diese unendliche Leichtigkeit der Lebensführung ist eine praktizierbare Ideologie, die in diese Zeit gut hineinpasst, die Menschen aber auch deformiert, oder jedenfalls in der Dynamik ihres Lebens, die sie durchaus spüren, festhält. Man kann auch lustvoll festsitzen und sich amüsieren, ohne darüber glücklich zu sein. Ich glaube nicht, dass sich diese Mischung aus Amüsement und Verdrängung in absehbarer Zeit grundsätzlich ändern wird. Allerdings können wir nicht davon ausgehen, dass auf diesem Globus die Lebensverhältnisse so günstig bleiben, wie das – wenigstens für einen Teil der jetzt lebenden Menschen – der Fall ist. Wir müssen mit Katastrophen rechnen. Und haben also durchaus die Frage zu stellen: Wie orientieren sich die Menschen dann? Und wie würde ich selbst mich orientieren, wenn ich in eine solche Krise gerate?

Das Gespräch führte Angelika Brauer.

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