Kultur : Kuss und Schluss

Pariser Ballade von der Leere der Liebe: Peter Stamms Roman „An einem Tag wie diesem“

Christina Tilmann

So fing alles an: mit der hübschen französischen Austauschschülerin nachts beim Lagerfeuer und Baden im See, man diskutiert über Gott und die Welt, irgendwann ein zarter erster Kuss, mehr wird es nicht. Der beste Freund schleppt sie schließlich ab, und es bleibt nur eine Sehnsucht, ein Leben lang.

Erinnerungen, wie sie wohl jeder hat, beliebt und beliebig. Sentimentalitäten, Banalitäten. Was das Leben damit zu tun hat oder wie daraus erst Leben wachsen kann, ist die Grundfrage von Peter Stamms Roman „An einem Tag wie diesem“, der mit einer solchen Kuss-undSee-Szene beginnt. Doch Andreas, der kühle Er-Erzähler, ist längst herausgewachsen aus seiner Jugendschwärmerei, lebt seit Jahren als Deutschlehrer in Paris. Die Frauen kommen und gehen in seinem Leben, die zickige Nadja, die immer von ihrem Exmann erzählt, die coole Sylvie, glücklich verheiratet, mit Lust am Seitensprung, irgendwann auch Delphine, die Referendarin. Sie alle lieben Andreas, lassen sich von ihm hinhalten, versetzen, beleidigen, und kommen immer wieder. Der Leser fragt sich: warum?

Denn selten gab es einen blasseren Erzähler. Andreas „liebt die Leere des Morgens“, liebt es, am Fenster zu stehen, eine Tasse Kaffee in der einen Hand, eine Zigarette in der anderen. Er liebt es, eine halbe Stunde vor Schulbeginn im Lehrerzimmer zu sein, sich einen Kaffee am Automaten zu holen. Und er liebt es, am Samstag die Wohnung zu putzen, einzukaufen, im Café zu sitzen und vielleicht später ins Kino zu gehen. In seinem Viertel in Paris ist einmal ein berühmter Film gedreht worden (könnte es „Die wunderbare Welt der Amelie“ gewesen sein?): „Seither kamen Leute aus aller Welt, um die Wirklichkeit an den verträumten Bildern zu überprüfen.“ Und Andreas führt die Touristen zu den Schauplätzen, auf Französisch, Englisch und Deutsch. „Manchmal war es ihm, als seien die Bilder (des Films) wirklicher als die Straße vor seiner Tür, als sei die Wirklichkeit nur ein Abklatsch der goldenen Filmwelt, eine billige Kulisse.“

Ein uneigentliches Leben, das ist Andreas’ Problem. Gelangweilt mit sich selbst, mit dem Job, den Geliebten und mit Paris. Sein Fazit lautet: „Die Leere war sein Leben.“ Irgendwann fällt ihm ein Lernbuch für Deutschschüler in die Hände, „Liebe ohne Grenzen“, in dem er seine eigene Jugendgeschichte wiedererkennt: Schmetterling, Butterfly, so hatte auch er einst die Austauschschülerin Fabienne genannt, in die er sich verliebt hatte. Die Sehnsucht erwacht. Und prompt – inzwischen ist auch noch eine vielleicht unheilbare Krankheit diagnostiziert worden – verkauft Andreas seine Wohnung, schmeißt den ungeliebten Job und macht sich, mit der Ersatzgeliebten Delphine im Gefolge, auf die Suche nach Fabienne.

Man täte Peter Stamm wahrscheinlich unrecht, wenn man ihm unterstellte, bei Charakterzeichnung und Tonlage nicht sehr bewusst gehandelt zu haben. Mit seinem ersten, schmalen Roman „Agnes“, mit den Erzählungsbänden „Blitzeis“ und „In fremden Gärten“ hat sich der Schweizer Autor als Meister der Entfremdung, des lakonischen Berichts vom uneigentlichen Leben und der Unmöglichkeit der Liebe bewiesen. Doch der Zauber des leichten Tons ist verflogen. Dass sein neuer Roman sprachlich ähnlich wortschatzbeschränkt daherkommt wie das Schullesebuch, das er zitiert, mag Absicht sein. Ein unangestrengtes Dahinerzählen, Subjekt, Prädikat, Objekt, kurze Sätze, kaum Adjektive, leicht liest sich das Buch, süffig – und leider banal.

Ein Beispiel nur: die entscheidende Begegnung von Andreas mit Fabienne. Sie steht vor ihm, weiße Jeans, weiße Bluse, „sie sah sehr schön aus, frisch und entspannt“. Reicht ihm die Hand, lässt sich die Wange küssen, führt durchs Haus: „Unser Schloss“, sagt sie lächelnd. Sie hat einen Kuchen gebacken und Eistee gemacht, man geht in den Garten: Der Garten ist ihr Reich, sagt sie. Irgendwann später küsst man sich noch einmal: „Es war ihr erster Kuss. Ihre Lippen waren trocken und etwas rau, es war der Kuss eines jungen Mädchens. Sie küssten sich lange, bis sie außer Atem waren.“

Kein Wunder, dass Delphine, die Zwischengeliebte, längst Reißaus genommen hat, nach Frankreich ans Meer. Ihre letzte Umarmung beobachtet Andreas schon, „als sei er sehr weit entfernt von allem“. Dem Leser ergeht es ähnlich.

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Peter Stamm: An einem Tag wie diesem. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2006. 208 Seiten, 17,90 €


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