Laibach eröffnen das Festial "Krieg singen" : Im Reich der schweren Zeichen

Musik und Militär:Welche Band würde besser zu einem Festival passen, das „Krieg singen“ heißt, als Laibach? Am Donnerstag war Eröffnung im Haus der Kulturen der Welt.

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Art Rock. Milan Fras, Sänger von Laibach, am Donnerstag im Haus der Kulturen der Welt.
Art Rock. Milan Fras, Sänger von Laibach, am Donnerstag im Haus der Kulturen der Welt.Foto: Laura Fiorio/HKW

Es ist ein wohlgehütetes Geheimnis, wie es dazu kam, dass Laibach im August 2015 zwei Konzerte in Nordkorea gegeben haben. Und zwar nicht irgendwelche schnöden Popkonzerte, die es im abgeschottetsten Land der Welt sowieso nicht gibt, sondern als erste westliche Band offiziell eingeladen vom „Komitee für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland“ zum 70. Jahrestag der Befreiung von der japanischen Besatzung. Hat sich die slowenische Band, deren Markenzeichen seit 35 Jahren die demonstrative Verwendung einer totalitären Zeichensprache ist, vor den Propagandakarren des totalitärsten Systems der Gegenwart spannen lassen? Oder fand hier ein Akt der subversiven Unterwanderung statt, als die durch Hyperstilisierung ins Parodistische kippende Inszenierung von Laibach auf ein – mutmaßlich – ironiefreies Publikum aus handverlesenen Parteiangehörigen traf?

Dass Laibach immer noch für Irritationen sorgen, ist zumindest beachtlich. Ihr Auftritt im Rahmen des viertägigen Festivals „Krieg singen“ (noch bis Sonntag) im Haus der Kulturen der Welt ist dagegen ein Heimspiel. Denn im sehr gemischten Publikum ist wohl kaum jemand, der das doppelbödige Spiel mit den „schweren Zeichen“ (Diedrich Diederichsen) des Totalitarismus missverstehen könnte. Was immer man auch gegen martialischen Industrial-Techno, Bombenkriegs-Videos, Hakenkreuzsymbolik und übersteuerte „Deutschland über alles“-Choräle einwenden mag, die Zeiten, als Laibach ernsthaft eine faschistoide Gesinnung unterstellt wurde, sind längst vorbei. Erfreulicherweise bricht die Band im Konzert aber auch mit den Vorurteilen, die sich im Laufe der Jahre über ihre Musik angesammelt haben. Denn der stumpfe Marschmusik-Meta-Rock, mit dem sie bekannt geworden ist und aus dem Rammstein ihre Weltkarriere gebastelt haben, macht nur einen Teil der zweistündigen Show aus. Häufiger erzeugt das fünfköpfige Kollektiv pathetisch überblasenen, von wabernden Synthieflächen und dem muskulösen Getrommel von Janez Gabrič strukturierten Art Rock, der auch im Œuvre einer Band wie Muse Platz fände und bei aller formalen Strenge oft in erstaunlich freie Jazzimprovisationen abdriftet.

Interessanterweise scheint der Nordkorea-Trip auf die Band rückgewirkt zu haben

Unterlegt ist der ehrgeizige Sound durch das tieffrequente Gegrunze des mit einer Fliegerkappe bekrönten Sängers und Chefideologen Milan Fras. Gelegentlich singen Mina Špiler mit operettenhaftem Sopran und der nicht mehr zum festen Bandstamm gehörende Boris Benko mit vibratoreichem Tenor dagegen an, was wie eine perverse Verballhornung bekannter Duo- oder Trioformationen klingt. Interessanterweise scheint der Nordkoreatrip auf die Band zurückgewirkt zu haben. Gleich in mehreren Songs, darunter zwei Coverversionen aus „The Sound of Music“ (die auf der Pjöngjang-Setlist standen, weil Diktator Kim Jong Un eine Schwäche für das alte US- Musical hat), arbeiten sich Laibach an der zahnschmelzsprengenden Süßlichkeit nordkoreanischer Volksmusik ab. Im Zusammenspiel mit den zeichenüberladenen Videos wird daraus ein surrealer Trip, der gar nicht so weit weg vom somnambulen Dreampop einer Lana Del Rey ist.

Doch auch wenn die stilistische Offenheit wohlwollend beklatscht wird, gehen Laibach bei den Zugaben auf Nummer sicher. „The Whistleblowers“, der „Hit“ ihres letzten Albums „Spectre“, ist eine spektakulär eingängige Mitpfeifnummer, das brutale „Resistance Is Futile“ fährt noch mal die Nazi-Provokationsschiene, der Titelsong zum Science-Fiction-Film „Iron Sky“ (über Nazis auf dem Mond) ist von niederschmetternder Monumentalität. Da darf das „Lied der Deutschen“, unterlegt mit Bildern aus dem Wiederaufbau der 50er, ebenso wenig fehlen wie Laibachs entlarvende Version des einstigen Sommerhits „Live Is Life“ von Opus. Bei Laibach wird daraus ein zum Stechschritt-Stahlgewitter gebrülltes „Leben heißt Leben“. Unter vollem Flakscheinwerferprogramm kann man sich durchaus vorstellen, wie zu diesen Klängen Armeen in Bewegung gesetzt werden. Was zum Thema des Festivals passt, bei dem das fragwürdige Verhältnis von Musik und Krieg erhellt werden soll.

Zugleich setzen Laibach damit eine Klammer um den Abend, der drei Stunden zuvor mit Andreas Ammer, FM Einheit, Alexander Hacke und der famosen Trommlerin Saskia von Klitzing und ihrem so klugen wie bestürzenden Live-Hörspiel über die menschenverachtende Weltkriegspropaganda von Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitler begonnen hat.

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