Kultur : Landwehrkanal ist auch nur ein Wort

Monsieur Robbe-Grillet[vor einem halben Jahrh],e

Alain Robbe-Grillet, 79, gilt als Vater des Nouveau Roman. Mit Büchern wie "Der Augenzeuge" oder "Die Jalousie" erlangte er schon in den fünfziger Jahren Weltruhm. Auch als Filmemacher hat er einen Namen. Er lebt in Neuilly bei Paris und auf einem Schloss in Mesnil-au-grain. Im Oktober erschien in Frankreich sein Roman "La Reprise", der sofort als Sensation gehandelt wurde. Robbe-Grillet war in den letzten Tagen Gast der französischen Botschaft in Berlin und trat gestern Abend im Institut Français auf. Im Frühjahr 2002 soll "La Reprise" bei Suhrkamp auch auf deutsch erscheinen.

Monsieur Robbe-Grillet, vor einem halben Jahrhundert begann ihr erster Artikel für Georges Batailles Zeitschrift "Critique" mit dem Satz: "Der wahre Schriftsteller hat nichts zu sagen." Halten Sie sich immer noch für einen solchen Schriftsteller?

Gewiss. Ich sage etwas, aber ich habe nichts zu sagen.

Von welchem Nichts sprechen Sie denn in Ihrem jüngsten Roman "La Reprise"?

Ich habe das natürlich im Hinblick auf Sartres Literaturtheorie geschrieben. Der einzige Inhalt eines Buchs ist das Buch selbst. Ein Journalist fragte Nabokov einmal, welche Botschaft er zu übermitteln habe. Und Nabokov sagte: "Ich bin doch kein Telegrafist." Eine Botschaft wäre das, was man als Gehalt eines Buches zusammenfassen könnte. Doch man kann kein Buch zusammenfassen, vorausgesetzt, es handelt sich um Literatur.

Einverstanden. Doch Sie gehen weiter. Sie bestehen darauf, dass Sprache weder die Wirklichkeit noch das Bewusstsein repräsentieren könne. Dabei hat man zumindest bei der Lektüre ihrer autobiografischen Trilogie durchaus den Eindruck, dass sie an die materielle Welt glauben, selbst wenn deren Darstellung unendlich komplex ist.

Dazu kann ich nichts sagen. Jeder Leser hat das Recht, das auf seine Weise zu verstehen.

Was verbindet denn in Ihren Augen die Wörter und die Dinge?

Das steht in jedem Wörterbuch. Wenn ich wissen willen, was das Wort Tisch bedeutet, schlage ich eben nach.

Sie halten es mit der Zeichentheorie Ihres Freundes Roland Barthes, der zufolge eine Lautfolge zunächst nur auf eine abstrakte Vorstellung verweist.

Ich weiß nicht, ob das mit Barthes zu tun hat. Wenn man ein Geschehen zusammenfassen will, was ist passiert, wer hat wen umgebracht, stellt einen das vor Probleme. Im Gegensatz dazu ist der Gebrauch der Wörter und der französischen Syntax ziemlich klar. Ich benutze die Wörter ihrem rechtmäßigem Sinn zufolge: dem in meinem Wörterbuch.

"La Reprise" spielt im Berlin des Jahres 1949...

stimmt genau ...

in einer relativ genau erkennbaren Topografie.

Nein! Ich wette, dass sie keinen toten Arm des Landwehrkanals finden werden.

Und all die Straßen- und Bezirksnamen? Wo haben Sie die her?

Aus der Erinnerung. Und mit einem Stadtplan vor Augen.

Sie erfinden Berlin.

Jeder Romancier erfindet die Welt.

Lügt er auch?

Er kann nicht lügen. Weil es keine Wahrheit gibt.

Suchen Sie in Ihrer autobiografischen Trilogie nicht nach einer gewissen Wahrheit?

Nein. Sicher nicht.

Sie spielen also nur mit Versatzstücken?

Hören Sie: Ich glaube, Sie verstehen mich nicht. Vielleicht täuschen Sie das auch nur vor. Aber ich glaube nicht an die Möglichkeit, den wahren Robbe-Grillet zu beschreiben. Deshalb erfinde ich verschiedene Robbe-Grillets. Ich habe einige Elemente meines Lebens verwendet, von anderen vorgegeben, dass ich sie erlebt hätte und alles miteinander vermischt. Ich misstraue meinem Erinnerungsvermögen, denn es verändert die Spuren der Dinge. Ich glaube nicht, dass das menschliche Dasein eine starre Sache ist. Man muss es ständig umwälzen.

Nicht nur der Titel Ihres neuen Romans "La Reprise" bezieht sich auf Kierkegaards "Wiederholung", ein Buch, das er in der Jägerstraße 57 beendet hat, ein paar Meter von der französischen Botschaft entfernt, in der wir miteinander sprechen. "Projekt für eine Revolution in New York" hat viel mit Leibniz zu tun. Und Ihre frühen Romane werden mit Husserls Phänomenologie in Verbindung gebracht. Ob Literatur oder Philosophie: Alles ist Text, sagt die Postmoderne. Wo verläuft für Sie die Grenze?

Es interessiert mich ganz allgemein nicht besonders, Grenzen zu ziehen. Ich würde meine Bücher vielleicht deshalb nicht zur Philosophie rechnen, weil es nur wenige begriffliche Passagen gibt. Aber ist umgekehrt Kierkegaards "Wiederholung" nun Philosophie? Für mich ist es fast ein Roman. Vor allem ist es ein autobiografischer Roman: vom Ort her hier am Gendarmenmarkt verankert, mit der Geschichte seiner Verlobten Regine Olsen. Natürlich bezieht sich Kierkegaard auf Philosophen, auf Sokrates und mehr noch auf Hegel, dessen Begriff der Aufhebung er denjenigen der Gjentagelsen, der Wiederholung, gegenüberstellt. Er verhält sich geradezu gewalttätig gegenüber Hegel, so als ob er sein persönlicher Feind war.

Woher kommt diese Leidenschaft für die Philosophie?

Sie hat wohl damit zu tun, dass ich sehr früh die beiden fundamentalen Sprachen der abendländischen Philosophie gelernt habe: Deutsch und Altgriechisch. Schon zu Schulzeiten habe ich mich mit Platon beschäftigt. Und so habe ich mich für die ganze griechische Welt interessiert, auch für die Tragödien. Ähnliches gilt für das Deutsche. Ich spreche zwar nicht gut, aber mich fasziniert das Funktionieren der deutschen Sprache. Das Englische ist dagegen nicht interessant: keine Konjugation, keine Syntax. Das Französische hat schnell die Deklinationen der lateinischen Sprache unterdrückt. Es ist das schlechte Latein der Soldaten. Doch die Syntax von Cicero ist uns geblieben.

Sie haben ihr Leben lang den traditionellen Roman bekämpft. Wenn man sich ansieht, dass den Prix Goncourt, bei dem auch Sie zur Wahl standen, gerade Jean-Christophe Rufins "Rouge Brésil" gewonnen hat, ein braver, moralisch engagierter Roman: Haben Sie nicht eine Schlacht verloren?

Ich habe sie ganz und gar gewonnen! Der Preis für Rufin war doch zu erwarten, und das macht auch nichts. Der Goncourt ist für dieses Genre geradezu gemacht. Und er wird fast immer zwischen den Häusern von Gallimard und Grasset entschieden. Als wir Schriftsteller des Nouveau Roman anfingen, hieß es, wir seien unlesbar. Die Verleger wollten uns nicht. Glücklicherweise machte sich ein kleiner französischer Verleger, Jérôme Lindon von den Editions de Minuit, einen Satz seines deutschen Kollegen Samuel Fischer zu Eigen, der auf die Frage nach seinem Beruf antwortete: "Es geht darum, Bücher zu verlegen, die die Öffentlichkeit nicht will." Sehen Sie sich an, was heute, fünfzig Jahre später, daraus geworden ist: Samuel Beckett und Claude Simon haben den Nobelpreis bekommen, Marguerite Duras ist zum Super-Bestseller geworden, wenn auch mit einem Missverständnis. "Der Liebhaber" wurde wie ein Groschenroman gelesen, als Autobiografie, dabei war er ein reines Phantasma. Und von "La Reprise" sind bisher immerhin 30 000 Exemplare verkauft. Für meine Verhältnisse ist das enorm.

Was haben Sie eigentlich gegen Ihre Minuit-Kollegen, gegen Jean-Philippe Toussaint oder Jean Echenoz?

Es sind nicht meine Kollegen!

Sie werfen Ihnen vor, dass sie ihre Bücher verkaufen wollen.

Sie machen gute Literatur, zweifellos hundert Mal besser als Rufin. Dennoch habe nicht ich sie lektoriert.

Der dieses Jahr verstorbene Jérôme Lindon hat sie ausgesucht.

Aber eben nicht ich. Ich habe meine Zusammenarbeit mit Lindon 1985 beendet, nachdem ich ihn 30 Jahre lang beraten habe. Toussaint hat nur ein bemerkenswertes Buch geschrieben: "Der Fotoapparat". Und Echenoz ist für mich ein Leichtgewicht. Er versucht, so zu tun, als ob die Welt kein Gewicht hätte. Es gibt einen Minuit-Autoren von Gewicht: Marie NDiaye, die nun den Prix Fémina erhalten hat.

Romane wie "Die blaue Villa in Hongkong" lassen vermuten, dass sie eine heimliche Leidenschaft für Groschenromane hegen.

Ich bediene mich gerne der Stereotypen. Aber ich lese diese Romane nicht.

Nie?

Nie. Es genügt mir, die Umschläge anzuschauen, um zu verstehen, worum es geht. Es sind Klischees der Gesellschaft, in der ich lebe, und es amüsiert mich, sie zu manipulieren. Auch in "La Reprise" gibt es Spionage und Elemente des erotischen Romans. Es ist ein Missverständnis, anzunehmen, dass die Literatur ein zusammenhängendes Ensemble bildet und dass man Rufin mit Robbe-Grillet vergleichen könnte. Zugleich profitiere ich von einer solchen Nachbarschaft. Ich habe längst nicht so viele Leser, aber vielleicht ist unter Tausend Lesern einer, der berührt wird: ein wahrer Leser.

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