Kultur : Langeweile ist revolutionär

Traum vom Paradies: Wilhelm Genazinos Roman „Wenn wir Tiere wären“

 Meike Fessmann

Sinnen, Schlendern, Vögeln, viel mehr will der namenlose Held dieses Romans vom Leben nicht, und er ist klug genug, sich bescheiden zu geben. Denn keiner soll merken, allen voran nicht Maria, mit der er in getrennten Wohnungen eine feste Beziehung führt, wonach er sich wirklich sehnt: nicht nach einer zweiten Ehe (Thea, der ersten Gattin, trauert er noch hinterher), nicht nach einem Kind (das sich Maria wünscht) und bestimmt nicht nach einer Festanstellung, zu der er sich als Ersatzmann eines verstorbenen Freundes genötigt sieht. Seine Sehnsucht richtet sich auf den paradiesischen Zustand süßen Nichtstuns, in dem die Menschen umsorgt und genährt werden, als wären sie glückliche Tiere.

Unter dem schönen Titel „Wenn wir Tiere wären“ träumt Wilhelm Genazino heimlich, still und leise vom Paradies. Das merkt man nicht unbedingt auf den ersten Blick. Denn das Setting erinnert an die früheren Romane des 1943 geborenen Büchner-Preisträgers: ein Mann, der sich zwischen mehreren Frauen nicht entscheiden kann (und es im Grunde seines Herzens auch nicht will), der sich den Wonnen des Beischlafs zuliebe und aus Sehnsucht nach Beständigkeit auf feste Verhältnisse einlässt, der bürgerliche Einengungen aller Art aber ebenso wenig erträgt wie die Zwänge einer irre gewordenen Arbeits- und Konsumgesellschaft. Doch die zivilisationskritischen Impulse sind dieses Mal schwächer und auch die Freude an der Schilderung von Alltagsszenen. Dafür geraten Tiere in den Blick, allen voran die Vögel. Sie verkörpern jene Levitationsbewegung, nach der sich der Erzähler so dringlich sehnt.

Zwar hat der Erzähler einen Beruf, er arbeitet zunächst als freier, dann als angestellter Architekt, und lebt in einer Stadt im Rhein-Main-Gebiet, die Frankfurt sein könnte. Doch schon sein Alter bleibt im Ungefähren. Die Frauen, mit denen er schläft, neben Maria noch Karin, die Frau seines zweiundvierzigjährig auf dem Wohnzimmersofa gestorbenen Freundes, die ihn in jeder Hinsicht zum Ersatzmann macht, signalisieren ihre Fruchtbarkeit durch Blutspuren in seinem Bett oder durch einen Tampon in seinem Bad (der prompt von der Konkurrentin gefunden wird). Von ihm selbst aber heißt es nur, er sei bedauerlicherweise noch nicht alt genug, um ohne Einbuße an Männlichkeit nicht mehr arbeiten zu müssen. Als ihn kleine Betrügereien, auf die er sich zur Steigerung seines Lebensgefühls eingelassen hat, für kurze Zeit ins Gefängnis bringen, empfindet er das als Entlastung ebenso wie die Kündigung des Architekturbüros, die der Inhaftierung folgt.

Fast scheint es, als sei auch der Autor der Arbeit des Romanschreibens überdrüssig und mache sich ein Vergnügen daraus, unter der Tarnkappe eines Alter Egos davon zu sprechen, ohne es allzu offensichtlich werden zu lassen. Es ist ja die Kehrseite der vermeintlich freien Existenz des Schriftstellers: dass er ein Leben lang an seine „Anspruchsphantasmen“ gebunden bleibt, wie das Genazino einmal am Beispiel Kafkas nannte. In einem Beruf ohne „prüfbare Qualifikationen“ muss er sich jederzeit als Schriftsteller imaginieren können und an der „Größenphantasie“ seines Werks festhalten. Selbst in einem Alter, in dem andere getrost in Rente gehen dürfen, bleibt er an die eigene Produktivität gefesselt. Davon können ihn nicht einmal Ruhm und Preise entbinden. Genazino hat aus diesem Dilemma einen famosen Ausweg gefunden: Er macht das einzelne Werk zu einer Variation früherer Werke und bringt damit eine Art Perpetuum mobile in Gang, das sich selbst am Laufen hält. Indem er die realistischen Elemente reduziert und die Figuren gleichsam als Spielsteine einsetzt, die er auf einem Spielfeld von rund 160 Seiten bewegt, kann er ein ums andere Mal von vorne beginnen. In gewisser Weise kombiniert er Kafka und Beckett, würzt sie mit einer Prise Brecht, lüftet den Hut in Richtung Nouveau Roman und biegt mögliche Einwände elegant in seinen Text zurück. Der könnte auf den Vorwurf, die Wiederholung des Gleichen oder nur graduell Verschiedenen sei langweilig, ohne Weiteres kontern, es sei immer noch „revolutionär, die Welt mit ihrer unaufhebbaren Langeweile zu konfrontieren.“ Und wenn jemand eine gewisse Nachlässigkeit monierte, könnte ihm der Satz einfallen: „Bach komponierte dann am besten, wenn er so tat, als könne er nicht komponieren.“ Außerdem gibt es da noch diese Formulierungen, die den Leser spontan begeistern. Als Titel werden sie wie von allein zu geflügelten Worten: „Wenn wir Tiere wären“, „Das Glück in glücksfernen Zeiten“, „Mittelmäßiges Heimweh“.

Wie durch ein Wunder gelingt es Wilhelm Genazino, den Traum von der freien Existenz mit dem Zwang zur Produktivität zu versöhnen. Seine Romane entwerfen Künstler- und Intellektuellenidyllen, die den Zustand paradiesischer Freiheit mit Gebärden der Scham und Schuld überspielen. Aus Nebensachen und kleinen Details Hauptsachen zu machen, ist die Kunst dieses heiteren Melancholikers, der sich manchmal ins Fäustchen zu lachen scheint, wie gut das funktioniert.

Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären. Roman.

Hanser Verlag,

München 2011.

160 Seiten, 17,90 €

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