Kultur : Langhoff inszeniert wieder "Onkel Wanja"

Frank Dietschreit

Dieses Licht! Gleißend hell ist es, wie ein Messer zersäbelt es die Luft, zerschneidet die Seelen aller auf dem Landgut versammelten Müßiggänger. Dieses Licht schlägt keinen Schatten, verbirgt keine Rätsel. Wer in dieses Licht tritt, muss verborgendste Gefühle nach außen kehren, geheimste Gedanken entblößen. In dieser Black Box, diesem von schwarzen Wänden umstellten, nur mit ein paar Sitzmöbeln und Tischen möblierten Bühne, ist alles klar und rein, werden Anton Tschechows "Bilder aus dem Landleben" wie in einem Laborversuch mit kühlem Verstand seziert, vom Zuschauer mit heiterer Gelassenheit betrachtet. Einen derart leicht verdaulichen, geradezu possierlichen "Onkel Wanja" hat er wohl kaum je gesehen.

Fünf Jahre nach seiner letzten Premiere des Stückes und ein Jahr nach der letzten Vorstellung hat Hausherr Thomas Langhoff Tschechows "Onkel Wanja" am Deutschen Theater Berlin neu einstudiert. Ein paar Rollen wurden neu besetzt, vor allem aber wurden die atmosphärisch durchleuchteten Landhauszimmer von Bühnenbildner Pieter Hein durch einen grell erleuchteten kargen Seelenraum ersetzt. Doch eine psychologische Tiefenbohrung, ein Ausloten der Abgründe, die sich hinter dem Selbsthass von Landgut-Verwalter Wanja, dem Weltschmerz von Landarzt Astrow, der hypochondrischen Aufgeblasenheit von Professor Serebrjakow oder der gelangweilten Lethargie seiner Gattin Jelena verbergen, wird nicht vorgenommen. Denn Langhoff geht es nicht um die Tragik, sondern um das Lachen des Verzweiflungsschmerzes.

Mit Christian Grashof wird Wanja zum begnadeten Komiker. Wenn er die Wangen aufplustert und sich schüttelt, wenn er nölt und nörgelt und über das Kunst-Banausentum des von ihm einst bewunderten, jetzt nur noch verachteten Professors lamentiert, hat Grashof die Lacher auf seiner Seite. Auch Jörg Gudzuhn greift als Astrow voll in die Komik-Kiste. Bei ihm trägt der selbstzerstörerische Menschenekel des passionierten Säufers und entnervten Naturschützers geradezu lustige Züge. Aus einem über den Stumpfsinn des Landlebens verbitterten "Waldschrat" (so der Titel der Urfassung) wird bei Gudzuhn ein leicht verblödeter, verliebter Gockel. Da geht es ihm wie Grashof. Wie Astrow und Wanja um die gefühlskalte Jelena herumschleichen und scharwenzeln, das trägt Züge slapstickartiger Komik.

Mit ihren feuerroten Haaren und ihrem sonnengelben Kleid ist Cornelia Heyses Jelena schon von der äußeren Erscheinung her etwas Besonderes unter all den grauen, unauffälligen Landmenschen. Doch dass Jelena wie eine ansteckende Krankheit, dass die von ihr kultivierte Leere alle anderen mürbe und zugleich süchtig machen soll, bleibt bloße Behauptung. Warum Wanja nicht mehr arbeiten mag, Astrow seine Patienten im Stich läßt und sogar die unglücklich in Astrow verliebte Sonja, von Ulrike Krumbiegel als ebenso schwärmerisches wie linkisches Naturkind gegeben, - warum all diese Menschen Jelena verfallen, bleibt angesichts der eher schlichten und geheimnislosen Schönheit Jelenas ein Rätsel.

Die unaufhörlich strickende Gisela Morgen ist eine köstliche, lebenspraktische Njanja, die lesende, rauchende Inge Keller als Wanjas Mutter ein kauziges Denkmal ihrer selbst, der griesgrämig schmarotzende Dietrich Körner ein despotischer Serebrjakow. Das Stück und die Figuren liegen offen zutage, sie leuchten mit verzweifelter Fröhlichkeit im hellen Licht. Niemand ist hier nachhaltig aus der Bahn geworfen. Alle spielen Unglück nur, lachen insgeheim über sich und ihren ironisch herausgeputzten Liebes- und Weltschmerz. Wenn der Spuk vorbei ist, der intellektuell verfaulte Professor nebst somnambuler Gattin abgereist sind, bleibt keine Leerstelle. Die unerfüllte Sehnsucht fällt von den Zurückgebliebenen ab wie eine schrundige Haut. Die ihnen aufgebürdete Last des Weiterlebens ist klein. Der gut unterhaltene, seltsam beschwingte Zuschauer weiß jetzt, wie man aus Tschechow einen Komiker machen kann. Reicht das?Nächste Vorstellungen am 13. , 22. , 26. März, jeweils 19 Uhr 30.

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