Kultur : Langsam leer werden - In der Berliner Galerie Rafael Vostell

M.N.

Eng ist es geworden in der Galerie, seit der Künstler Zhu Jinshi dort seine Werke aufgebaut hat. Doch seine Raum-in-Raum-Installationen mögen die Schritte des Betrachters hemmen oder lenken, zugleich vermitteln sie auch ein Gefühl von Leichtigkeit, Offenheit, ja von Leere.

"Leere Zeit" nennt Zhu Jinshi seine beiden aus Reispapier, Bambus und Sisalschnur konstruierten Gehäuse, die in zwei der Galerieräume Platz gefunden haben. Das große, raumfüllende Gehäuse Nr. I (Preis auf Anfrage) kann seitlich betreten werden und gleicht im Inneren einem Labyrinth, das kleine Nr. II (27 000 Mark) hingegen ist von außen leicht einsehbar, schwerer zugänglich und enthält die Flügel einer alten Tür aus einem Pekinger Abrisshaus, mit Spruchweisheiten verziert. So wie alt und neu, leer und voll, klein und groß in den Arbeiten von Zhu Jinshi als gleichermaßen gültige Kategorien erscheinen, so überkreuzen sich darin auch ästhetische Vorstellungen sowohl traditioneller chinesischer als auch moderner westlicher Provenienz. Jinshi, 1954 in Peking geboren emigrierte 1986 mit seiner Frau Quin Jufen, die ebenfalls Künstlerin ist, nach West-Berlin. Seit Mitte der Neunziger pendelt er zwischen hier und dort und versteht sich als Mittler einer ortsgebundenen, temporären Kunst. In den letzten Jahre arbeitet er vor allem mit Reispapier, - handgeschöpftem, transparentem Papier -, das in China gewöhnlich als Untergrund für Kalligraphie dient. Zhu Jinshi jedoch nutzt es anders. Er zerknüllt es, faltet es wieder auf und macht es plan; dennoch bleibt es knittrig, voller Grate und Mulden, und gewinnt eine eigenständige plastische Qualität.

Mit unzähligen solcher Bögen, die zum Trocknen aufgehängten Häuten oder Blättern ähneln, hat Zhu Jinshi die Wände zwischen den Bambusecken des großen Gehäuses errichtet. Bei Berührung erscheinen sie wie sanft raschelnde, atmende Vorhänge. Durchlässig für Licht und Geräusche, die sie sanft dämpfen, schirmen sie doch visuell gegen alles draußen Liegende ab. Umfangen von diesem schneeweißen, schuppenartigen Raummantel, lässt man den alltäglichen Zeitenfluß hinter sich und wird leer: Ein Raum für Besinnung und Meditation, der birgt und erhebt, ganz wie es taoistischer "Leichtigkeit des Seins" entspricht.

Auch an anderen Orten, Museen oder Kunstvereinen, hat Zhu Jinshi riesige Stellwände, Gänge oder frei hängende Röhren aus Reispapier für die jeweiligen Räume geschaffen. Sie sind in der Ausstellung als Cibachrome-Fotos auf Aluminium (3000 bis 5500 Mark) zu sehen. Immer hatte es dabei vieler Helfer und auch Zeit bedurft, das Papier zu bearbeiten und in die endgültige Großform einzubringen: ein Prozeß, der in den enormen Dimensionen sichtbar bleibt und zugleich in ihrer luftigen, schwerelosen Lichtgestalt wie aufgehoben scheint. Es sind Werke, die eine eigenartige Magie ausstrahlen, eine Erhabenheit, die berührt, ohne dass sich konkrete gegenständliche Bezüge einstellen.

Die "Neue Schreibweise" (9500 Mark) aus rund 2 Meter hohen, halbierten Bambusrohren, die senkrecht gestellt einem geschwungenen Wandschirm gleichen, spielt auf Schrift, Mitteilung und Überlieferung an. In künstlerischer Verfremdung gibt sie Denkanstöße und besitzt neue Materialenergie. Hinzu kommen mehrere kleine Objektkästen, etwa die drei Versionen von "Quadratische Luft" (je 950 Mark) oder "Dreidimensionale Farbe" (1500 Mark), die, wenn auch etwas bemüht, eher ins Hintersinnige und Humorige verweisen. Auch das dreiteilige "Tagebuch im Bambuswald" (je 1000 Mark) ist als Objekt zu sehen, verborgen hinter mit Seide bezogenen Buchhüllen. Es ist Zeugnis dafür, dass Zhu Jinshi nicht nur mit dem Papier, sondern auch mit dem Wort über Kunst und Leben reflektiert.Galerie Fine Art Rafael Vostell, Knesebeckstr. 30, bis 22. Januar; Montag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr.

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