Kultur : Lass uns auf den Turm der Liebe steigen Überlebende des Grunge-Rock:

Pearl Jam veröffentlichen ihr siebtes Studioalbum „Riot Act“

Nadine Lange

Ihr erster großer Hit hieß „Alive“ und ist inzwischen elf Jahre alt. Doch die Refrainzeile „I’m still alive“ passt besser denn je: Pearl Jam sind die letzten Überlebenden der Grunge-Ära vom Anfang der neunziger Jahre. Damals hatten Bands aus Seattle und Umgebung die Rockwelt mit ihrem wütenden, aber melodiebewussten Sound durchgeschüttelt. Allen voran spielten Nirvana sich mit ihrem poppig produzierten „Nevermind“ in die Charts. Damit ermöglichten sie auch den Durchbruch von Pearl Jams Debüt „Ten“ (Epic), das zunächst keine nennenswerte Resonanz hatte, sich später aber sogar besser verkaufte als die Nirvana-Platte.

Ein neues Genre war entstanden, das bis heute in abgeschliffener From von Gruppen wie Nickelback oder Creed weitergeführt wird. Die großen Bands der ersten Tage sind hingegen verschwunden. Nirvana und Alice in Chains lösten sich auf, nachdem ihre Sänger gestorben waren. Soundgarden trennten sich, und die Stone Temple Pilots gibt es nur, wenn Sänger Scott Weiland mal nicht im Gefängnis oder an der Nadel festhängt. Allein Pearl Jam produzieren weiter Album um Album. Mit der Zeit wurden sie ein wenig eigenwillig: drehten keine Videos mehr, experimentierten mit verschiedenen Stilen und gingen nur noch selten auf Tour. Trotzdem erarbeiteten sich die Fünf eine Nische mit treuen Fans, in der sie sich wohl noch bis zur Rente hätten herumdrücken können. Doch dann kam der 30. Juni 2000. Pearl Jam spielen vor rund 50000 Menschen auf dem Festival im dänischen Roskilde. Sänger Eddie Vedder sieht, dass im Publikum etwas nicht stimmt, er bricht ab, guckt, ruft, aber es ist zu spät: Wenige Meter unter ihm werden neun Menschen totgetrampelt.

Auch Pearl Jam hätten dieses Unglück fast nicht überlebt. Sie überlegten, aufzuhören oder nie mehr aufzutreten. Monatelang sprachen die Bandmitglieder fast nur über Roskilde. Schließlich kamen sie zu dem Entschluss: Wir machen weiter – auch für die Toten. Ihnen ist der Song „Love Boat Captain“ vom neuen Pearl-Jam-Album „Riot Act“ (Epic) gewidmet. Er beginnt mit einigen Orgelakkorden, die von einer Trauerfeier stammen könnten. Der Gesang beginnt leise-zerquält, fasst während der Strophe jedoch immer mehr Kraft und hebt zu Beginn des Refrains in eine traurig-schöne Melodie ab. Es ist ein typisches Pearl-Jam-Muster, das aber in dieser Brillanz und Klarheit schon lange nicht mehr zu hören war. „It´s already been sung, but it can’t be said enough, all you need is love“, singt Vedder ironiefrei wie eh und je, aber trotzdem ohne peinliches Pathos. Zu alter Stärke findet die Band auch im treibenden „Save you“ und der Single „I am mine“ zurück. Einer der interessantesten Songs auf „Riot Act“ stammt von Drummer Matt Cameron (Ex-Soundgarden): Zwei zitternde E-Gitarren stolpern einander in „You are“ über den Weg und einigen sich dann auf einen puckernden Groove. Dazu singt Vedder die wunderschöne Kitschzeile „Love is a Tower“.

Daneben enthält das siebte Studioalbum von Pearl Jam jedoch einiges an Wiederholungen und Überflüssigem: Der kurze Rockknaller „Get right“ klingt, als wäre es aus „Vitalogy“-Zeiten übrig geblieben, das hektische „Help“ sucht dreieinhalb Minuten vergebens nach einer Idee, und im bluesigen „1/2 full“ fragt Vedder unmotiviert „Won´t someone save the world?“ Die Platte ist mit 15 Stücken einfach zu lang. Trotzdem: Pearl Jam mit Aussetzern sind immer noch besser als die meisten Neo-Grunger.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben