Kultur : Lasst Felsen schweben

Surrealistischer Doppelschlag: Die Schweizer Fondation Beyeler zeigt Magritte und Picasso

Hans-Dieter Fronz

Wo jetzt der schiefe Turm von Pisa durch eine Feder aufrecht gehalten wird und eine Vase mit Leiter und Salatsieb einen menschlichen Körper bilden, blühten noch wenige Wochen zuvor diverse Blumen. Darin besteht eine der Stärken der Schweizer Fondation Beyeler in Riehen unweit von Basel. Das Haus besitzt eine exzellente Sammlung zur klassischen Moderne, macht aber durch spektakuläre Ausstellungen immer wieder neu auf sich aufmerksam. Nach dem „Blumenmythos“ im Frühjahr – die Schau präsentierte all jene Blüten, die das Floramotiv seit dem Impressionismus in der Kunst so treibt – locken nun „Picasso surreal“ und eine Magritte-Retrospektive in den Bau von Renzo Piano.

Wie die jüngsten Magritte-Ausstellungen in Düsseldorf und Paris spielt auch die Schweizer Schau auf die Aktualität des Belgiers an. Der stets korrekt gekleidete und sorgsam sein KleinbürgerImage pflegende Surrealist gilt seit den Sechzigern als Wegbereiter von Pop-Art und Konzeptkunst. Die Doppelbödigkeit seiner Bilder sichert ihm bis heute Aufmerksamkeit. Mit seiner surrealen Subversion von Sinn und Bedeutung passt Magritte in eine Zeit, in der vermeintliche Gewissheiten brüchig geworden sind. Angesichts unbegrenzter Möglichkeiten der Bildmanipulation ist der bildkritische Impetus seiner Malerei so brisant wie eh und je.

Im Rückblick erscheint diese Malerei, die mit ihren suggestiven, traumsprachlichen Szenerien künstlerisches Neuland erschlossen hat, als spezielle Spielart des Surrealismus. Anders als die Pariser Surrealisten, denen er zeitweilig zugehörte, operierte René Magritte nicht mit einer écriture automatique des Unbewussten, sondern setzte intellektuelles Kalkül und hellwache Bildvernunft ein. Er wollte die „vertrautesten Gegenstände wenn möglich aufheulen lassen“.

Durch die absurde Kombination von Elementen des Alltags schuf er Bildwelten, die in ihrer Magie und Vieldeutigkeit zu den Ikonen der Moderne zählen. Statt Aufklärung zu leisten, führen die Titel den Betrachter nur tiefer ins Rätsel hinein. „Der Schlüssel der Träume“, wie ein Bild und auch die Ausstellung heißt, ist perdu – anders als in der Psychoanalyse, der Magritte kritisch gegenüberstand. Das Unheimliche aber, das seine Bilder ausstrahlen, rührt weniger von den Sujets her – etwa wenn Marmorskulpturen zu bluten beginnen oder ein Sarg einen Liegeknick hat. Ursache ist vielmehr, dass Bilder wie der wolkenleicht überm Meer schwebende Felsbrocken oder der ein Zimmer ausfüllende Riesenapfel jeglicher Alltagserfahrung spotten und die Naturgesetze aus den Angeln heben.

Der Mann mit vier Händen oder der von einer Feder gestützte schiefe Turm von Pisa haben etwas tief Beunruhigendes. Fast noch verstörender ist die Art, in der Magritte immer wieder die Bildillusion selbst durchbricht und seine Malereien als bloße Kulissenwelt sichtbar macht. In „Megalomanie II“ löst sich der Himmel zum oberen Bildrand hin in eine aufbrechende Mauer aus hellblauen Quadern auf. Dahinter wird ein weiterer Himmel mit Wolken sichtbar – aber wer garantiert, dass der echt ist? Am Ende beschleichen den Betrachter Zweifel an der Wirklichkeit selbst.

Ein Surrealist war auch Pablo Picasso, wie die über 200 in Basel präsentierten Bilder, Skulpturen und Grafiken beweisen. Den Surrealisten galt Picasso als einer der ihren, auch wenn sich seine künstlerische Praxis von der ihren unterschied. Das Unbewusste suchte er nicht durch die Elimination des Geistes in der écriture automatique an die Oberfläche zu befördern, sondern durch eine Befreiung der Linie in einer Art gestalterischer Regression. Kennzeichnend für Picasso und eher untypisch für den Surrealismus ist zudem sein Hang zur Groteske. Akte und Figuren wie die „Frau in einem Sessel“ oder die „Schlafende“ von 1927 wirken wie Karikaturen. Die Verformung der Figur reicht mitunter bis zur Auflösung ihrer Gliedmaßen. Die menschliche Gestalt wird bei ihm zur Assemblage aus Vase, Leiter und Salatsieb. Die überdimensionierte Papageiennase des gemalten „Tête“ von 1936 zitiert humorvoll die fünf Jahre zuvor entstandene bronzene „Büste einer Frau“, deren Antlitz ähnlich deformiert erscheint. Selbstironisch wendete Picasso solche Komik in seinen Atelierbildern mit dem Titel „Der Maler und sein Modell“ auch auf sich selber an – ein Zeichen seiner menschlichen Souveränität und Freiheit.

Fondation Beyeler, Riehen bei Basel: „Picasso surreal“, bis 12.9., „René Magritte. Der Schlüssel der Träume“ bis 27.11.

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