Last Exit Guttenberg : Sein oder nicht sein

Der stolze Gefallene spielt selbst bei seinem Abgang noch den Herrn der Lage. Mit Herz, Schmerz und metallischem Sentiment. Auch Hamlet hat er im Gepäck. Eine Exegese.

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Die enorme Wucht der medialen Betrachtungen meiner Person. Der Zurücktretende im Lichthof des Verteidigungsministeriums.
Die enorme Wucht der medialen Betrachtungen meiner Person. Der Zurücktretende im Lichthof des Verteidigungsministeriums.Foto: dapd

Es beginnt scheinbar salopp, gleichsam süddeutsch-bayerisch charmant mit der bei solchen Anlässen nicht einmal von Franz Josef Strauß gebrauchten Anrede „Grüß Gott, meine Damen und Herren“. Mitten im preußisch-heidnischen Berlin ist das auch selbstbewusst offensiv, weil der Franke Karl-Theodor zu Guttenberg selbst im Moment des Rücktritts noch anzeigt: Wo ich auftrete, ist mein Revier, gelten meine Maßstäbe, bestimme ich auch in Abschied und Niederlage das Spiel.

Er habe, das ist dann sein erster Satz, „die Bundeskanzlerin in einem sehr freundschaftlichen Gespräch informiert, dass ich mich von meinen politischen Ämtern zurückziehen werde“. Sogar hier wirkt der Ton noch jovial, fast wie beiläufig und so nett, die Bundeskanzlerin freundlich „informiert“ zu haben. Erst dann kommt das Wesentliche, die Bitte um „Entlassung“ – die Fallhöhe vor dem Sturz ergibt sich aus der Verbrämung. Und bumms: „Es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens.“

Das ist der erste von fünf Superlativen, die Guttenbergs sechseinhalb Minuten lange Rede an jeweils prononcierter Stelle aufladen. Aufladen sollen. „Ich gehe nicht allein wegen meiner so fehlerhaften Doktorarbeit“ – wiewohl er „verstehe“, dass dies „für große Teile der Wissenschaft ein Anlass wäre“. Da wird das Problem der öffentlichen Täuschung und der Vorwurf der persönlichen Unredlichkeit sofort ins politische Abseits („der Wissenschaft“) entsorgt, und das auch wieder, wie so oft, wenn es in Guttenberg-Äußerungen ums Peinliche oder Eigentliche geht, mit dem stilistischen Puffer des Konjunktivs („ein Anlass wäre“).

"Es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens. Ich gehe ihn nicht allein wegen meiner so fehlerhaften Doktorarbeit - wie wohl ich verstehe, dass dies für große Teile der Wissenschaft ein Anlass wäre"

Im Indikativ liegt der „Grund im Besonderen in der Frage“, ob „ich den höchsten Ansprüchen, die ich selbst an meine Verantwortung anlege, noch nachkommen kann“. Statt hoher eigener Ansprüche, die im Ton schon stark genug klängen, müssen es, der nächste Superlativ, die höchsten sein, und der Rücktritt wird vor allem zum Akt der Selbstgerechtigkeit erklärt. Es folgt „die größte Bundeswehrreform in ihrer Geschichte, die ich angestoßen habe“ und die, so bescheinigt es der scheidende Minister in einer späteren Wendung sich selbst und „meinem Nachfolger“, nach dem zunächst hinausgezögerten Rücktritt nunmehr „bestens vorbereitet verabschiedet werden kann“.

Doch mit dem Eigenlob nicht genug. Guttenberg beschwört noch einmal eine (durch ihn) „gestärkte Bundeswehr mit großartigen Truppen im Einsatz“, die ihm „engstens ans Herz gewachsen sind“. Vom Herzen ist übrigens drei Mal die Rede, gipfelnd in dem schiefen Sprachbild von dem Amt, „an dem das ganze Herzblut hängt“.

Die Plagiatsaffäre - Guttenberg bis zum Schluss
1. März 2011: Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Abgang aus dem Amt des Bundesverteidigungsministers. Die Universität Bayreuth wirft ihm Anfang Mai "vorsätzliches wissenschaftliches Fehlverhalten" vor. Er habe "die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht."Weitere Bilder anzeigen
1 von 54Foto: Reuters
06.05.2011 14:321. März 2011: Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Abgang aus dem Amt des Bundesverteidigungsministers. Die Universität Bayreuth...

"Wenn die öffentliche und mediale Betrachtung fast ausschließlich auf die Person Guttenberg und seine Dissertation statt beispielsweise auf den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten abzielt, so findet eine dramatische Verschiebung der Aufmerksamkeit zulasten der mir Anvertrauten statt."

Tatsächlich tönt hier ein ziemlich metallisches, wenn nicht schon blechern schepperndes Sentiment. Angesichts der öffentlichen Lügenvorwürfe versieht er seine Entschuldigung für „Fehler“ wiederum mit dem Zusatz „aufrichtig“: eine Beurteilung, die dem, der sie ausspricht, gar nicht zusteht. Doch auch die früheren Entschuldigungen bei den Getäuschten oder urheberrechtlich Missbrauchten waren ja keine Bitten, sondern gleich Vorwegnahmen aus angemaßtem Eigenrecht. Reue oder gar Scham sehen anders aus. Und zu den „großen und kleinen Fehlern im politischen Handeln bis hin zum Schreiben meiner Doktorarbeit“ (eine grammatikalisch krause und mehrdeutige Formulierung) setzt Guttenberg hinzu: „... mir war immer wichtig, diese vor der Öffentlichkeit nicht zu verbergen“. Warum er sich ausgerechnet hier aufs Glatteis der Realsatire begibt, bleibt sein Geheimnis.

Keine lässliche Schrulle aber ist der zentrale Bezug „auf den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten“, deren Schicksal in der Medienwahrnehmung hinter die Diskussion um seine Dissertation zurückgetreten sei. KTG: „Wenn es auf dem Rücken der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll, kann ich dies nicht mehr verantworten.“

"Ich habe, wie jeder andere auch, zu meinen Schwächen und Fehlern zu stehen... Und mir war immer wichtig, diese vor der Öffentlichkeit nicht zu verbergen."

Dies eben bedeutet eine Instrumentalisierung jener Toten und Verwundeten in Afghanistan, und der Verteidigungsminister verwechselt seine durch eigenes Verschulden in die Debatte geratene Person bewusst mit den untergebenen Soldaten, seinen Schutzbefohlenen. Auf deren „Rücken“ argumentiert er selber. Er sei noch in seinem Herzblut-Amt geblieben, weil „es für mich gerade eine Frage des Anstands (war), zunächst die drei gefallenen Soldaten mit Würde zu Grabe zu tragen und nicht erneut ihr Gedenken durch Debatten über meine Person überlagern zu lassen“. Tatsächlich hatte diese Haltung „angesichts massiver Vorwürfe bezüglich meiner Glaubwürdigkeit“ die Würde des Gedenkens gerade nicht erhöht und die „Debatten“ nur verlängert und verstärkt.

Doch selbst angedeutete Einsicht wird bei Guttenberg bisher zur Rechthaberei. In seiner Kelkheimer Rede hatte ihn die wochenendliche Wiederbeschäftigung mit seiner Dissertation nur darin bestärkt, „wie recht ich hatte“ bei der vorangegangenen Erklärung, auf das Führen seines Doktortitels (damals noch) vorläufig verzichten zu wollen. Auch jetzt ist ihm „die Klärung der Fragen hinsichtlich meiner Dissertation“ wieder ein „aufrichtiges Anliegen“, zumal gegenüber der Universität Bayreuth, „wo ich (Anm: in der Uni B.?) mit der Bitte um Rücknahme des Doktortitels bereits Konsequenzen gezogen habe“.

Klaus Stuttmann über Guttenberg
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1 von 15Karikatur: Klaus Stuttmann
24.02.2010 16:07

"Wohl niemand wird leicht, geschweige denn leichtfertig das Amt aufgeben wollen, an dem das ganze Herzblut hängt."

Der stolze Gefallene suggeriert sich über weite Passagen seiner Rücktrittsrede noch immer, im Grunde Herr des Verfahrens zu sein. Trotzdem gerät die zweite Hälfte der Ansprache auch zu Andeutungen innerer Einkehr oder leicht vertiefter Selbstreflexion. So legt er Wert darauf, dass „die Vorgänge zudem strafrechtlich überprüft“ würden und „staatsanwaltschaftliche Ermittlungen etwa bezüglich urheberrechtlicher Fragen nach Aufhebung der parlamentarischen Immunität – sollte dies noch erforderlich sein – zeitnah geführt werden könnten“. Das klingt offen, wirkt sogar offensiv und berührt gleichsam einen G-Punkt der Affäre. Vermutlich hat sich Guttenberg hier bereits anwaltlich beraten lassen, und er wünscht sich im Hinblick auf spätere Karrierepläne keine längere, weiterhin ehrenrührige Hängepartie.

Trotzdem bleibt KTG auch im gesteigerten Finale bei der Verwandlung eines menschlich-fachlichen Versagens im objektiv politischen Raum in ein ich-bezügliches, hochpersönliches Melodrama. Guttenbergs Vorgänger Franz-Josef Jung ging es im Herbst 2009 bei seiner viel kürzeren Rücktrittserklärung noch um die Sache und seine politische Richtung, ganz ohne das von Guttenberg oft und pathetisch gebrauchte Wort „Verantwortung“ zu erwähnen. Jung: „Durch meinen Schritt möchte ich einen Beitrag dazu leisten, dass die Bundesregierung ihre erfolgreiche Arbeit fortsetzen kann und Schaden von der Bundeswehr abgewendet wird.“ Oder schauen wir auf Willy Brandt 1974: „Ich übernehme die politische Verantwortung für Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit der Agentenaffäre Guillaume und erkläre meinen Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers.“ So klipp und klar. So stilbewusst. „Mit ergebenen Grüßen, Ihr Willy Brandt“, adressiert an den Bundespräsidenten.

"Wer sich für die Politik entscheidet, darf... kein Mitleid erwarten. Das würde ich auch nicht in Anspruch nehmen."

Guttenberg räsoniert dagegen, dass er nach der „enorme(n) Wucht der medialen Betrachtungen meiner Person“ kein „Mitleid“ für sich in Anspruch nehmen würde. Und: „Ich darf auch nicht den Respekt erwarten, mit dem Rücktrittsentscheidungen so häufig entgegengenommen werden.“ Ist das nicht doch Selbstmitleid – oder fordert er mit dieser scheinbaren Verneinung nicht eben diesen Respekt jetzt ein?

Immer das eigene Bild im Auge, folgt die nächste Selbstbespiegelung: „Nun wird es vielleicht heißen, der Guttenberg ist den Kräften der Politik nicht gewachsen. Das mag sein oder nicht sein.“ Nun gibt Guttenberg auch noch den Hamlet, um dann schon wieder weniger zögerlich, aber etwas dunkel sich und der deutschen Öffentlichkeit die Antwort zu geben: „Wenn ich es aber nur wäre“ – er meint: den Kräften der Politik nicht gewachsen –, „indem ich meinen Charakter veränderte, dann müsste ich gerade deswegen handeln.“ Mit dem Handeln, so raunt er wohl, ist der Rücktritt gemeint, der nun freilich real und keine hamletische Hypothese mehr ist.

"Nun wird es vielleicht heißen, der Guttenberg ist den Kräften der Politik nicht gewachsen. Das mag sein oder nicht sein. Wenn ich es aber nur wäre, indem ich meinen Charakter veränderte, dann müsste ich gerade handeln."

Die konservative „Neue Zürcher Zeitung“, die Guttenberg schon zu Beginn seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte (oder hatte abschreiben lassen, das ist noch zu klären), sie hat am vergangenen Sonntag über den deutschen Freiherrn und Minister befunden: „Vom ersten Tag an wehrte er sich mit öliger Gestelztheit und falscher Gravitas, keinen Moment wirkte seine Demut echt.“ Man würde ihm, der nun spät und dazu gedrängt und bedrängt eine erste wirkliche Konsequenz gezogen hat, lieber etwas Besseres nachsagen. Doch seine Rede macht es schwer. Das gilt mit Ausnahme des allerletzten Satzes, der immerhin ungestelzt und wahrhaftig klingt: „Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.“

Doch selbst hier, wo es für ihn und seine Familie schlicht ums Existentielle geht, ist sich Guttenberg noch selbstgefällig und gefallenwollend ins Wort gefallen, indem er sich vor seinem abschließenden Bekenntnis noch bescheinigt, dass dieser Satz „für einen Politiker ungewöhnlich klingen mag“.

"Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht."

Man sieht, der Mann, der Mensch braucht mal Abstand von der Politik. Von seinem noch immer übergroßen Ego. Seinen Charakter verändern, siehe oben, das will er nicht. Aber Veränderung kann statt Verbiegung ja auch Verbesserung bedeuten. Als der Fußballtrainer Lucien Favre seinen Dienst bei Hertha BSC quittieren musste, hat er mit etwas zeitlicher Distanz befunden: „Erfahrung ist immer eine Summe von Fehlern.“

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