Kultur : Lautstark halbstark

Günter Grass trifft Amal al-Jubouri im Haus der Berliner Festspiele

Jens Mühling

„Ein leises dennoch“ hatte das Literarische Colloquium Berlin angekündigt, einen arabisch-deutschen Dialog in Zeiten des Krieges. In der orientalischen Tradition, so hieß es in der Eröffnungsrede, orientiere sich die Lyrik eng an der Musik, und die Musik sei stärker als im Okzident der menschlichen Stimme verpflichtet. Folgerichtig stand Günter Grass’ poetische Begegnung mit der irakischen Lyrikerin Amal al-Jubouri im Haus der Berliner Festspiele ganz im Zeichen der Musik: Der Oud-Spieler Omar Bashir präsentierte mit seinem Ensemble ein eindrucksvolles Amalgam aus arabischer, europäischer und indischer Musiktradition, die libanesische Sängerin Jahida Wehbé sang arabische Übersetzungen von Grass’ Gedichten – als deren Autor sich der Dichter seinen Worten nach kaum noch erkennen konnte.

Dass letztlich das „dennoch“ nicht ganz so leise geriet wie angekündigt, war nicht allein der Musik zuzuschreiben, die ja naturgemäß mit Geräusch verbunden ist. Nachdem Grass und al-Jubouri abwechselnd deutsche und arabische Übersetzungen ihrer Lyrik vorgetragen hatten, las Grass schließlich noch einige unveröffentlichte Gedichte zum Thema „Tanz“ – Jugenderinnerungen an eine Zeit, als die Männer an der Front weilten und die Frauen sich beim Tanzen mit halbwüchsigen Jungs behelfen mussten. Wehmütig zurückschauend packte Grass auf der Bühne den „halbstarken Pimmel“ aus (wenn Grass das sagt, muss man’s wohl schreiben dürfen). Über Walzer und Polka ging sein munterer Reigen schließlich in einen düsteren Totentanz über – und hier wurde das „dennoch“ laut, als Günter Grass von der deutschen Erfindung Streubombe dichtete, die Frauen und Kinder „ohne Ansehn erkennt“. Ein Moment der Stille dann, „bevor des Cowboys Raketen abermals sprechen“. Das Ende des „Tango Mortale“: „Altes Europa, nach so viel Walzer und Waffenexport schaust Du tränenblind zu.“

Tanzend findet Grass schließlich den Weg zurück zum Anfang: Die Krieger sind heimgekehrt und er nicht mehr halbstark, sondern potenzschwach, ein „Fragezeichen“. So nützt Grass den west-östlichen Diwan als Spielwiese für Halbseidenes und Vorhersagbares, und so geht der Sieg nach Punkten für Stil und Subtilität an die orientalische Fraktion. Aber das hätte man gleich wissen können: Gegen fließende Glitzergewänder und elegantes Schwarz hat man’s schwer in gewerkschaftlichem Beulencord.

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