Kultur : Leben lieben

Kinder haben in Deutschland: Warum Nachwuchs nicht nur eine Geldfrage ist / Von Tanja Langer

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Herr Steinbrück hat einen wunderbaren Vorschlag gemacht: Das Kindergeld soll gekürzt werden, um kostenlose Kindergärten für alle zu finanzieren. Demnächst wird er vorschlagen, dass die wahre Elternförderung in Deutschland die Abschaffung des Kindergeldes ist! Nun bin ich froh und dankbar, dass ich jeden Monat für meine drei Mädchen Kindergeld bekomme, und darf eigentlich gar nicht meckern. Denn ohne kämen wir kaum über die Runden. Bis vor kurzem wurde ich mit meinen drei Kindern angesehen als wäre ich asozial, was ich ja in den Staat ruinierender Hinsicht sicher bin. Jetzt scheint sich der Wind zu drehen, weil allmählich durchsickert, dass unser Land überaltert ist (also ein finanzielles Problem, aus anderen Gründen wäre es ja überhaupt kein Thema!). Jetzt wächst unser Ansehen! Jetzt garantieren wir das Überleben unserer großartigen Nation! Und die Rente! Das ist recht erheiternd, verstellt aber den Blick auf die Lage. Die Wahrheit ist der Mangel an Liebe zum Leben in unserem Land. Und der lässt sich nun mal nicht mit Geldumsortierungen lösen. Dazu zwei Punkte.

Kürzlich hörten wir beim Frühstück im Radio, dass die meisten in Deutschland unter der Armutsgrenze lebenden Menschen allein erziehende Mütter mit Kindern seien. Meine Älteste (12) zog die Stirn kraus, und die Jüngste (9) sagte: Aber Mama, das sind ja wir! Daraufhin fingen wir alle an zu lachen. Was heißt arm?, fragte die eine Neunjährige. Warum hast du uns alle gekriegt?, fragte die andere Neunjährige, sehr ernst. Ich liebe das Leben, sagte ich, und ich liebe euch, und am liebsten hätte ich noch ein Kind. Au ja, schrien alle drei.

Die nächste Nachricht, die uns beschäftigte, war die Idee, mit dem Versprechen auf einen Ganztagsschulplatz könnte man mehr Frauen dazu bewegen, Kinder zu bekommen und man würde obendrein noch das Pisa-Problem lösen, denn dann würden die Kinder flächendeckend gebildeter. Aufschrei meiner Töchter: Nein! Wir wollen nicht in die Ganztagsschule! Wir wollen nach Hause, wir wollen bei Mama essen, wir wollen bei Mama Hausaufgaben machen, wir wollen mit unseren Schwestern spielen und zanken! Wir wollen ein Leben in der Familie, das nicht um halb sechs am Abend beginnt! Wir wollen nicht wegorganisiert werden!

Ich schwöre es Ihnen, ich lege es nicht den Kindern in den Mund. Wirtschaftsbosse bieten ja inzwischen firmeneigene Kindergärten an, um das tolle Potenzial von superflexiblen und superkommunikativen Müttern zu nutzen. Ich frage mich allerdings, wo sie das ausbilden sollen, wenn sie die Kinder zum Frühstück und zum Abendessen sehen. Es ist also letztlich eine Frage von Zeit und Geld.

Ich war nicht nur so wahnsinnig, drei Kinder in die Welt zu setzen, sondern ich schlage mich auch noch als freischaffende Künstlerin durchs Leben. Als Künstler gehöre ich finanziell zum Proletariat. Aber meine Kinder lesen viel, haben einen großen Sprachschatz, sind neugierig und vor allem guter Dinge – denn ich nehme mir für sie die Zeit. Eine wirkliche Hilfe wäre es, wenn ich nicht in jedem Schuljahr für jedes Kind an die hundert Euro Büchergeld bezahlen müsste, für jeden bildenden Theater- und Museumsbesuch mit der Schule fünf Euro, fünf Euro für die Drogenprävention mehrmals im Jahr (wegen des Mangels an Zuwendung ist das nötig), für allerlei Aktivitäten, für die Klassenkasse und die Klassenreise und das Arbeitsheft und das Lehrergeschenk und was noch alles. Da kommt einiges zusammen. Und die öffentliche Bibliothek will auch zwanzig Euro.

Mein Leben geht nur, weil ich ein wunderbar intaktes solidarisches Netz habe. Ohne Oma zum Beispiel würden wir im Zelt wohnen, aber Oma sorgt für ein Dach über dem Kopf. Eine Tante schickt Taschengeld, eine Freundin bezahlt den Musikunterricht, eine andere kommt mit Anziehsachen, ein Freund hilft im Haus, ein dritter passt auf oder holt ab. Und alle haben ihre Freude daran, weil es das Leben bunter macht, weil wir miteinander reden und keiner einsam ist.

Der Papa der Kinder ist reich an Zuwendung, aber arm an Materiellem. Vater Staat sieht hier zwar vor, dass geholfen wird, mit einem Unterhaltskostenvorschuss, doch erstens hört der nach drei Jahren auf und sowieso mit vollendetem 12. Lebensjahr, dann kann das Kind auf die Straße oder die Mama zum Job-Center. Die Mama braucht aber keinen Job, sie schreibt ja Bücher (und hat im Grunde keine Zeit, zum Job-Center zu rennen). Kürzlich machte ihr jemand den Vorschlag, sie könne doch neben dem Bücherschreiben und Rezensionenschreiben noch übersetzen, und nun überlegt die Mama, ob sie das zu übersetzende Buch über die Waschmaschine oder den Herd hängen soll, um die Übersetzung beim Kochen und Wäschezusammenlegen in ein Diktiergerät hineinzudiktieren. Das Künstlertum spitzt gewissermaßen allgemein gesellschaftliche Probleme auf schöne Weise zu.

Liebe Experten, jetzt hören Sie mal: Nicht alle Probleme lassen sich so lösen, wie Sie es glauben. Sie zäumen das Pferd vom Schwanz auf.

In Deutschland herrscht eine Lebensmüdigkeit, die man lange und umständlich mit den Folgen des Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der DDR erklären kann. Dann wird man aber eher unfreundlich behandelt, und letztlich bringt es auch nichts. Wir sind hier zu sehr aufs Materielle aus. Das Leben als solches, unvernünftig und unlukrativ, verschwenderisch und unsinnig, ist hier eben nichts wert. Pisa zeigt, wie sehr unser Land die Kultur liebt, das gehört mit hierhin. Für Kultur ist eben auch keine Zeit, nur als Einnahmequelle für den Tourismus und die Förderung des Wirtschaftsstandorts zählt sie was.

Vielleicht haben meine Kinder und meine Mama und meine Freunde und ich Freude am Leben und der Kunst, am Gespräch und am Zusammensein, und vielleicht kommt es darauf an. Kürzen Sie uns ruhig das Kindergeld, das wird uns nicht daran hindern, unser Leben zu lieben und noch mehr Kinder zu kriegen. Aber erzählen Sie uns nicht solchen unsolidarischen Unsinn. Ihnen fehlt einfach eine Dimension.

Tanja Langer, Jahrgang 1962, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Zuletzt erschien im Deutschen Taschenbuch Verlag ihr Roman „Kleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte“.

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