Kultur : Leben!

Martin Schwickert

Ein zartes Jungengesicht. Herausgewachsene Ponyfrisur. Darunter ernste, blaue, verdammt erwachsene Augen. So wurde Tom Schilling in "Crazy" zum Publikumsliebling. Einer, der sich vor der Kamera öffnen kann - und trotzdem ein paar Geheimnisse für sich behalten.

In "Crazy" spielte er den Coolen. In Michael Gutmanns Herz im Kopf ist er der verstockte Außenseiter. Beides geübte Gefühleverberger, die sich langsam aus der Gefangenschaft der Pubertät befreien. Jakob ist schon einmal ausgebrochen. Nach Berlin zu seinem Vater, nachdem die Mutter gestorben ist. Jetzt kehrt er zurück, und die große Schwester lebt mit ihrem unehelichen Sohn in einer Frankfurter Sozialwohnung. Hier kommt Jakob zumindest vorübergehend unter. Sucht sich einen Tankstellenjob und treibt sich mit den alten Schulfreunden in der aufgeräumten Vorstadt herum. Trifft dort auf die Polin Wanda (Alicja Bachleda-Curus), die als Aupair das Klo seiner früheren Deutschlehrerin putzt. Wird ohnmächtig, als er sie das erste Mal sieht, und stellt sich auch sonst aufrichtig ungeschickt an.

Die erste große Liebe wird im Kino viel zu oft ins Romantische verklärt. "Herz im Kopf" zeigt die unendlich komplizierte Angelegenheit im Maßstab 1:1. All die verpatzten Gelegenheiten. Die unbeholfenen Abschiede. Das Sich-selbst-im-Weg-Stehen. Die unvermeidlichen Missverständnisse. Wie leicht hätte daraus ein seichtes Jugendstück im Bravo-Format werden können. Aber "Herz im Kopf" verhandelt die Sache mit der Liebe mit großem Ernst - und großer Melancholie. Denn wer sich sehnt, ist doppelt allein.

"Herz im Kopf" ist ein Liebesfilm. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Generationsporträt und trotz der Verankerung im echten, mühseligen Leben kein Sozialarbeiterdrama. Sondern ein Film, der komplexe Gefühlslagen ins Bild fasst, auch wenn die Worte dabei ins Stocken geraten. "Herz im Kopf" ist aber auch ein Nachfolgeprodukt. Michael Gutmann hat schon als Co-Autor an Hans-Christian Schmids "Crazy" und "23" mitgearbeitet. Jetzt haben die beiden die Rollen getauscht und versuchen, an ihren letzten Erfolg anzuknüpfen. Das gleiche Sommerlicht. Die gleichen Farben. Das gleiche besonnene Erzähltempo und mit Tom Schilling ein "Crazy"-vertrautes Gesicht im Mittelpunkt.

Und dennoch, "Herz im Kopf" tickt schwächer. "Crazy" lag der Roman des damals 17-jährigen Benjamin Lebert zugrunde, der selbst vom pubertären Lebensgefühl berichtete. In "Herz im Kopf" meint man oft die Bleistiftspitzergeräusche der Drehbuchschreiber zu hören. Allzu sauber der Plot, die Handlungkette, die Nebengeschichten. Vor allem aber: Immer wieder misstraut der Film seiner eigenen Stille. (In acht Berliner Kinos; Foto Constantin)

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