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Lebendige Geschichte : Franz der Weise

28.12.2012 00:00 UhrVon Peter Stoltzenberg
Väterchen Franz. Leopold III., genannt Friedrich Franz, Fürst von Anhalt-Dessau. Gemälde von Johann Heinrich Christoph Franke (um 1775). Abbildung: Kulturstiftung Dessau/Wörlitz. Foto: akg-imagesBild vergrößern
Väterchen Franz. Leopold III., genannt Friedrich Franz, Fürst von Anhalt-Dessau. Gemälde von Johann Heinrich Christoph Franke (um 1775). Abbildung: Kulturstiftung Dessau/Wörlitz. - Foto: akg-images

Der 300. Geburtstag Friedrichs des Großen wurde in diesem Jahr kräftig gefeiert. Franz von Anhalt-Dessau dagegen, wenig später Regent eines Kleinstaats, ist nahezu vergessen. Dabei war dieser Fürst wesentlich aufgeklärter – und moderner.

„Wenn der Fürst von Anhalt reüssiert hätte, wäre ich nicht nötig gewesen“, urteilte Karl Marx über das Wirken Leopold III., Fürst Franz von Anhalt-Dessau (1740 –1817). Jedenfalls will es so die Legende, die im Hause Anhalt erzählt wird. Schon merkwürdig: Da werden dem einen, Friedrich der Große genannt, zum 300. Geburtstag zwei Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum und im Potsdamer Neuen Palais gewidmet – und Tausende von Büchern und Essays resümieren seine Erfolge und Wirkung. Der andere war nur ein kleiner Fürst unter der Knute des übermächtigen Friedrich. Aber ihn nannten die 35000 Untertanen in seinem 700-Quadratkilometer-Reich „Vater Franz“.

Und Gründe hatten sie zuhauf.

Der alte Fritz, er war vor allem der harte Fritz. Als etwa der uneheliche Halbbruder des seinetwegen geköpften Katte bittet, legitimiert zu werden, da der Vater gestorben sei, schreibt Friedrich an den Rand des Gesuchs: „Wer wird jedes Hurenkind naturalisieren.“ Und Voltaire, der den europäischen Ruhm des aufgeklärten Monarchen Friedrich begründen soll, schreibt: „Der König von Preußen hält sich für einen zivilisierten Mann, doch unter der dünnen Haut des Ästheten liegt die Seele eines Schlächters.“ Als der 33-Jährige aber eine Schlacht verliert, schreibt er an seinen Minister: „Entweder werde ich meine Macht behaupten oder ich will, dass alles zugrunde geht und samt dem preußischen Namen mit mir begraben werde.“

Friedrich war nicht nur, wie Voltaire befand, ein Schlächter, sondern auch ein Volksverächter. 1770 schreibt er: „Es ist verlorene Mühe die Menschheit aufklären zu wollen. Denken Sie sich aus, was Sie wollen, Sie finden keinen anderen Zügel für schlechte Handlungen als Strafen und Schande.“ Geschriebene Geschichte ist überwiegend Erfolgsgeschichte, und Friedrich war ein Siegertyp. Zu fast gleicher Zeit aber war eben jener Fürst Franz von Anhalt-Dessau überzeugt, „dass bei dem Menschen kein Zwang angewendet werden sollte, wenn man ihn nicht um seine Freiheit bringen und seine Würde verletzen will. Er muss sich selbst zu dem machen, was er sein und werden soll und dazu muss man ihm behilflich sein.“ Sogar Goethe urteilt: „Alles sprach zu Gunsten eines Fürsten, der, indem er durch sein Beispiel den übrigen vorleuchtete, Dienern und Untertanen ein goldenes Zeitalter versprach.“

Von Hofberichterstattung abgesehen, dauert es bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis dem noblen Franz historische Gerechtigkeit widerfährt. Damals nahm sich Erhard Hirsch mit Ausdauer und Kenntnisreichtum, kluger Distanz und leidenschaftlicher Nähe seines Wirkens an – und 2006 schrieb Kaevan Gazdar die lesenwerte Biografie „Herrscher im Paradies“. Zu Lebzeiten aber war „Vater Franz“ schon hoch angesehen. Aus aller Herren Länder kamen die Reisenden, Fürsten und Jakobiner, Generäle, Gelehrte und Bildungsbürger, um das, was Europa am Vorabend der Revolution als „Aufklärung“ diskutierte, in der Realität zu besichtigen.

Was gab es zu sehen? Das 18. Jahrhundert war von Kriegen verwüstet – aber der Enkel Leopolds I., jenes „alten Dessauers“ und Zuchtmeisters der preußischen Armee – steigt kurzerhand aus dem Siebenjährigen Krieg aus. Friedrich ahndet das mit einer Strafe von 180 000 Talern. Franz aber erhöht nicht die Steuern, sondern verkauft Tafelsilber und Kronleuchter und beginnt mit dem friedlichen Aufbau des ausgebluteten Landes. Basis der Reformen sind seine Studienreisen nach Italien, in die Niederlande und nach England, wo er lernt: „Hier ist es möglich, ein Mensch zu sein.“

Zunächst wendet er sich den sozialen Problemen zu: der Bettelei, dem Elend und der Armut in Folge der Schlesischen Kriege: „Ich glaubte, den äußeren Menschen und seine Verhältnisse müsse man erst verändern, dann werde der innere Mensch wohl von selbst sich bessern.“ Von seinem engen Freund und Ideengeber Erdmannsdorff lässt er ein Armenhaus bauen, in dem die Armen und Invaliden nicht nur kaserniert, sondern auch ausgebildet werden. Seine letzten Worte sind: „Man muss für Arbeit sorgen. Darauf kommt alles an.“ Als verheerende Überschwemmungen das Fürstentum überfluten, Vieh und Ernte vernichten, werden die Armen zum Wiederaufbau eingesetzt und entlohnt. Es wird lange dauern, bis sich Nachahmer finden.

Die Neuordnung führt auch zum Bau des staatlichen Krankenhauses, in dem die Armen gratis von den Leibärzten des Fürsten behandelt werden. Dort wird gegen Pocken geimpft. Da die Angst vorm Impfen groß ist, sind Fürst und Kronprinz unter den Ersten, die sich impfen lassen. In Preußen sterben noch 100 Jahre später 150 000 Menschen an der Seuche, bis die Impfung endlich im Reich durchgesetzt wird.

Entscheidend für den Aufschwung aber werden die Verkehrswege. Die Straßen des Reiches sind in erbärmlichen Zustand. Unfälle, Rad- oder Achsenbrüche und umgestürzte Kutschen sind die Norm. Ein Charlottenburger berichtet dagegen aus Dessau: „Wie herrlich würde es sich reisen lassen, wenn allenthalben wie hier für die Ausbesserung der Wege gesorgt würde. Frachtfuhrleute würden zur Hälfte weniger Pferde gebrauchen, das würde den Preis des Getreides und die Frachtenzahlung verringern. Kurz, Dessau verdient es, dass man siehet , was ein Landesherr tun kann, wenn er Lust und guten Willen dazu hat.“ Friedrich hat keine einzige Straße gebaut, stattdessen Sanssouci und das Neue Palais.

Die Rechtsprechung allerdings lässt Franz sich, hier durchaus streng, nicht aus der Hand nehmen – zu groß ist nach 1789 die Angst vor Revolutionen. Dafür garantiert er Religionsfreiheit. Nicht nur die christlichen Bekenntnisse, auch die Juden – jeder siebente Einwohner war Jude – genießen zudem freien Zutritt zu allen Handwerken und bürgerlichen Berufen. Zwar fehlt ihnen die volle bürgerliche Gleichstellung, aber in Wörlitz baut Franz eine Synagoge in seinen Park, und die Pressefreiheit führt zur Gründung der ersten deutschsprachigen – und europaweit einflussreichen – jüdischen Zeitung „Sulamith“ (Friedensstifterin).

In Friedrichs Preußen dagegen bleibt Toleranz eine Frage des Nutzens; er verbietet die Wahl des Moses Mendelssohn, des Urbilds von Lessings „Nathan“, in die Akademie und erklärt Juden für „ganz unnötig“, die „nach aller Möglichkeit weggeschafft werden“ sollten. Es sei denn, sie können zahlen.

Wie finanziert Franz seine Reformen, übrigens auch im Bildungsbereich? Sein Großvater hatte sich in dem Agrarland durch Betrug und Vertreibung des Landadels zum größten Grundbesitzer gemacht; das erleichtert nun immerhin die Veränderungen. Nach über tausendjähriger Praxis schafft er die Dreifelderwirtschaft ab, wodurch er ein Drittel des Bodens zurückgewinnt. Der Anbau von Klee als Futtermittel intensiviert die Viehzucht. Wolle und Vieh, auch Pferde werden zum Exportschlager. Die Preise steigen innerhalb weniger Jahre um das Zehnfache. Der Import von Hölzern, der Platane und der Robinie, schafft die Grundlagen des Gartenreiches, das heute zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Vor dem Elend des Alters sind die Bauern, Pächter oder Landarbeiter durch eine Pension von vier Groschen täglich und lebenslanges Wohnrecht gesichert.

Nicht alles gelingt. Der hochherzige Versuch, durch eine „Allgemeine Buchhandlung der Gelehrten und Künstler“ den Autoren mehr Erlös zu verschaffen, scheitert. Auch die „Chalkographische Gesellschaft“, die sich die Reproduktion berühmter Gemälde zur Verbreitung des guten Geschmacks zum Ziel setzt, geht pleite. Und nicht erst mit dem Tode des Fürsten 1817 geht es bergab. Männer, die das Land entscheidend geprägt haben, verlassen verbittert oder auch abgeworben das Land. Denn Franz’ Nachfolger interessiert das Elysium immer weniger. Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt Dessau zudem in Schutt und Asche – damit sind auch einige jener Bauten vernichtet, mit denen Franz und Erdmannsdorff Klassizismus und Neu-Gotik in Deutschland einleiteten. „Princillon“, Prinzlein, nannte Friedrich ihn spöttisch. Der „Geist von Potsdam“ siegte über den Traum von Dessau.

Es gibt andere Lesarten dieser Lebensleistung. Franz habe es an Macht gefehlt, und deshalb habe er sich mit Kunst und Kultur profiliert. Auch halte nicht alles einer genaueren Untersuchung stand. Es gebe hymnische Reiseberichte von Leuten, die nie in Dessau gewesen seien. Zudem habe der Regent allzu vorsichtig paktiert und laviert – von Friedrichs Kriegen bis zu Napoleons Feldzügen.

Aber ist ihm Einsicht in die Notwendigkeit vorzuwerfen? Macht das seine aufgeklärte Haltung, seine praktizierte Toleranz wertlos? „Er hat halt keine Rolle gespielt“, resümiert ein Historiker. Eben. Ein Grund mehr, sich an Franz von Anhalt-Dessau zu erinnern, wenn der runde Geburtstag des Machtmenschen Friedrich gefeiert wird.

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