Kultur : Lebenslust trotz permanenter Katastrophe - und die Erinnerung an seine Inszenierungen

Peter Konwitschny

Wir haben verlernt, Rituale in ihrer Bedeutung zu erfassen. Weihnachten ist ein Verkaufsereignis, bei dem die Osterhasen in der zweiten Reihe sitzen, und zu Silvester fliegt man eben im Überschallflugzeug mehrmals über die Datumsgrenze. Das alles nimmt mir meine Freude. Im Grunde kann man einen Jahrtausendwechsel gar nicht begreifen. Das ist mindestens so unfaßbar wie eine Million Tote. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass im 21. Jahrhundert alles anders wird. Mein Eindruck ist eher, dass es nun endgültig den Bach runter geht. Die Katastrophe aber findet nicht mehr in einem Augenblick oder an einem einzigen Tag statt - die Katastrophe ist. Wir vergiften uns und unsere Umwelt tagtäglich, immer weiter und weiter. Eigentlich müßte man raus auf die Straße rennen, sich hinlegen und so lange schreien, bis das alles aufhört. Aber es tut keiner. Das ist der Zwang des Alltags. Und ein riesiges systemisches Problem. In anderen großen Kulturen war das auch nicht anders. Ägypten, Mesopotamien, diese Reiche sind untergegangen, spurlos verschwunden. Bis wir sie wieder ausgebuddelt haben. Uns wird es ähnlich ergehen. Aber was wird man von uns finden? Meine Inszenierungen natürlich... Und die Tatsache, dass Einstein auch lachen konnte, der Welt die Zunge herausgestreckt hat und Geige spielte - diesen Zusammenhang von Ernst und Spaß finde ich wichtig. Das eine ist, daß der Wahnsinn jetzt, hier, auf diesem Planeten stattfindet; und das andere ist, dass wir jetzt, hier leben. Das ist die Schizophrenie. Einerseits habe ich keine, wirklich keine Hoffnung, dass, wie man so schön sagt, "alles wieder gut wird". Andererseits bestärkt mich gerade diese Erkenntnis in meiner Freiheit, in meiner Lust, zu leben, lebendig zu sein - und das heißt: sinnvoll mit anderen zu kommunizieren. Solange die Kraft reicht.

Peter Konwitschny ist Opernregisseur. Soeben hat er an der Dresdner Semperoper die "Csárdásfürstin" inszeniert.

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