Kultur : Leer und verbraucht

Die Deutschen sind narzisstisch, schreibt Hans-Joachim Maaz, und politisch-ideell bankrott.

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Rund zwanzig Jahre nach dem Untergang des real existierenden Sozialismus analysiert der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz nun „Die narzisstische Gesellschaft“ unserer Gegenwart. Es zeichne sich der Bankrott ab, schreibt Maaz, „ökonomisch und vor allem politisch-ideell“. Schuld seien die Menschen selbst. Habgier habe sie in die Schuldenfalle getrieben, ein Leben über die Verhältnisse sei aus innerem Mangel erwachsen, aus dem frühen Mangel an Liebe und Bestätigung. Der schnöde Mammon: nichts als Ersatzbefriedigung. „Der Sozialismus ist gescheitert, weil die Menschen mehr haben wollten, als zu bekommen war, der Kapitalismus scheitert, weil die Menschen mehr verbrauchen, als sie verdient haben.“

Die ersten drei, vier Jahre seien für die Entwicklung eines Menschen entscheidend, betont der Psychologe. Erfährt ein kleines Wesen in dieser frühen Phase nicht genug Liebe, Anerkennung, Fürsprache, Bestätigung, Zuwendung – dann wird sich diese Vernachlässigung ein Leben lang in allen möglichen Störungen zeigen, nicht nur psychisch sondern auch körperlich. „Prävention ist besser als Therapie“, schreibt Maaz. Diese Lebensweisheit richte sich gegen zwei gesellschaftliche Strömungen, „gegen eine kommerzialisierte Medizin, die an Krankheiten verdient, statt sie mit dem spezifischen medizinischen Wissen verhindern zu helfen, und gegen eine politisch gewollte Lebensform mit einem hohen pathogenen Potential infolge von Leistungsstress, Konkurrenzdruck, Reizüberflutung, Mobilitätszwang und sozialer Ungerechtigkeit“.

Hans-Joachim Maaz stellt in seinem Buch die Systemfrage. Er beschreibt den ungesunden Zeittakt, in den moderne Eltern eingebunden sind. Er analysiert unsere Zerstreuungs- und Betäubungsgesellschaft, in der „Werbung, Reklame, Mode, Status und Gruppendruck“ von den wahren Wünschen jedes Einzelnen ablenken. Er nennt Ursachen von Gewalt und Symptome narzisstischer Störung. Er verdeutlicht die Ohnmacht und das Ausgeliefertsein des Kindes. Er richtet sein Augenmerk schließlich auf einen Politikbetrieb, der getrieben ist von Kurzatmigkeit und Gegnerschaft. Er streift die Geschichten von Politikern wie Christian Wulff oder Karl-Theodor zu Guttenberg und behauptet, dass ein narzisstisches Defizit „im Grunde die beste Voraussetzung für das politische Geschäft“ sei.

Maaz, 1943 in Halle geboren, ist seit vierzig Jahren praktizierender Psychiater und Psychoanalytiker. Der langjährige Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Diakoniekrankenhauses in Halle wurde nach 1989 zunächst durch seine Schriften zur inneren Verfasstheit der DDR bekannt. „Der Gefühlsstau“ von 1990 war ein „Psychogramm der DDR“, so der Untertitel. Darin analysierte Maaz staatliche und familiäre Repression im Sozialismus. In folgenden Büchern untersuchte der Psychologe auch deutsch-deutsche Befindlichkeiten, 1991 in „Das gestürzte Volk“ (mit dem Untertitel: „Die verunglückte Einheit“) und 1992 in „Die Entrüstung“, in dem Maaz über Sündenböcke schrieb und auf die unheilige Allianz von Tätern und Opfern einging. Das Modell ist gleichgeblieben, Maaz kann es ebenso gut auf unsere Zeit anwenden. „Es entstünde niemals Krieg“, schreibt Maaz, „wäre eine ausreichend große Anzahl von Menschen primär narzisstisch gesättigt, statt dem Zwang zu unterliegen, den bitteren Opferstatus in Täterschaft zu verwandeln.“

Maaz gibt sich in seinem Buch aber nicht allwissend und versteckt sich nicht hinter wohlfeiler Abstraktion, stattdessen liefert er Beispiele, in denen jeder sich wiederfinden kann. „Narzissmus ist die Quelle jeder Form von Stress“, schreibt er und betont die Bedeutung von Gefühlen, geht auf die Ursachen des „Mitläufertums und der Mittäterschaft“ ein, wendet sich gegen „delegierte Verantwortung“ und die Suche nach Sündenböcken. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, lautet seine Schlussfolgerung, und jeder habe die Pflicht, auf sich und den Partner zu achten, um „auf Augenhöhe“ gleichberechtigt miteinander auszukommen.

Das Buch enthält viel Stoff zur Diskussion. „Man kann nicht wirklich gesund werden in einer kranken oder krank machenden Umwelt“, heißt es zum Beispiel. Oder: „Die Wahrheit liegt nicht in den Aussagen, sondern in den versteckten Motiven des Handelns.“ Denn: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein – aber das Unbewusste bestimmt das Sein.“ Oder: „Der Narzissmus akzeptiert keine Wahrheit.“ Maaz sagt aber auch, was er unter „gesundem“ Narzissmus versteht, nämlich den „Garanten für einen sozialen Zusammenhalt, der nicht durch Erwartungs- und Leistungsdruck, Stärkekult, Karrierestreben, Profit- und Wachstumssucht unmöglich gemacht und zerstört wird“.

Hans-Joachim Maaz hat ein aufrüttelndes Buch verfasst, das zum Innehalten und Nachdenken, vielleicht sogar zu neuen Entschlüssen führen kann. Der Autor hält uns ein Spiegelbild unseres ganz gewöhnlichen Zusammenlebens aus psychologischer Sicht vor. Manches Mal stört das psychologische Fachvokabular etwas, aber Maaz ist immer bemüht, zu erklären.

Das Buch ist Ratgeber, gesellschaftliche Analyse und Werkstattbericht in einem. Und am Ende wirkt die Lektüre nicht deprimierend. Zwar ist der 69-jährige Autor überzeugt davon, dass wir ein „Leben auf der Titanic“ führen, wie eines seiner Kapitel überschrieben ist. Er gibt sich dennoch kämpferisch und zuversichtlich. Schließlich entwickelt er auch noch seine „Vision einer demokratischen Revolution“, macht einige utopisch klingende Vorschläge, verlangt „die Überwindung der Leistungsgesellschaft und der Wachstumsideologie“, fordert die „Suche nach einer gemeinsamen Lösung“ für alle drängenden Probleme, liebäugelt mit der Piraten-Partei und hofft auf neue Formen in der politischen Kommunikation. Die Diskussion kann beginnen.









– Hans-Joachim Maaz:
Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm. C.H. Beck, München 2012. 236 Seiten, 17, 95 Euro.

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