Leipziger Buchmesse 2017 : Vom Balkan bis zum Baltikum

Asli Erdogan, Europas Rechtspopulisten, das Buchland Litauen - und die Manga-Jugend: Eine kurze Vorschau auf das Programm der Leipziger Buchmesse.

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Messebesucher in Leipzig im März 2016. Die diesjährige Buchmesse eröffnet am Mittwochabend, den 22. März.
Messebesucher in Leipzig im März 2016. Die diesjährige Buchmesse eröffnet am Mittwochabend, den 22. März.Foto: Jan Woitas/dpa

Es gehört zum Wesen der Leipziger Buchmesse und genauso der Frankfurter, dass sie zwar sogenannte Branchentreffs sind, aber stets die gesellschaftlichen und politischen Verfasstheiten in Europa und der Welt widerspiegeln, die aktuelle politische Großwetterlage. Stand vergangenes Jahr die Messe in Leipzig ganz unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise vom Sommer zuvor, wird nun das Verhältnis Europas zur Türkei und die Situation dort eines der bestimmenden Themen sein.

Unter der Ägide des Verbrecher Verlags planen mehrere Verlage eine Solidaritätsaktion zugunsten des inhaftierten „Welt“-Journalisten Deniz Yücel. Dabei soll vor zahlreichen Lesungen auf der von Donnerstag bis Sonntag stattfindenden Messe zuerst ein Text von Yücel vorgelesen werden, um so zu zeigen, „dass man ihn und all die anderen in der Türkei inhaftierten Journalisten und Journalistinnen nicht mundtot machen kann“, so Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier.

Gut vorstellbar, dass auch ein Yücel-Text am Donnerstag auf dem Blauen Sofa gelesen wird. Nämlich vor der Präsentation der Essays der ebenfalls bis vor Kurzem inhaftierten türkischen Schriftstellerin Asli Erdogan, „Nicht einmal das Schweigen gehört uns“. Erdogan kann nicht nach Leipzig kommen, weil ein Antrag auf Aufhebung des über sie verhängten Ausreiseverbots von der türkischen Justiz abgelehnt wurde. Sie wird aber live aus Istanbul zugeschaltet. Auch im traditionell von der Robert-Bosch-Stiftung betriebenen Café Europa liegt unter dem Titel „Europa21“ der Fokus auf der Türkei, unter anderem moderiert hier die türkische Fernsehjournalistin Banu Güven, die wegen eines Interviews mit einem kurdischen Politiker ihren Job verlor, eine Diskussionsrunde über „Demokratie und Rechtsruck vor unserer Haustür“. Mit dabei sind unter anderen der ehemalige Direktor des Victoria & Albert Museums in London, Martin Roth, und die polnische Theaterwissenschaftlerin und Kuratorin Katarzyna Wielga-Skolimowska.

Auch deutsche Prominenz kommt: Christoph Hein, Feridun Zaimoglu, Nora Gomringer

Ob sich vor dem Hintergrund der Spannungen mit der Türkei und dem Niederschlag, den diese auf der Messe finden, das diesjährige Gastland Litauen genug Gehör verschaffen kann? 2002 war der baltische Staat schon einmal Gastland, damals auf der Frankfurter Buchmesse, ohne dass das der angesichts der Größe naturgemäß nicht überbordenden Literaturproduktion des Landes zu einem Boom verholfen hätte. 26 Neuübersetzungen aus dem Litauischen ins Deutsche hat es im Frühjahr gegeben, und sechs litauische Autoren und Autorinnen stellen ihre Bücher vor.

Sie dürften es nicht leicht haben gegen die Prominenz aus Deutschland, zum Beispiel Christoph Hein, Eva Menasse, Vincent Klink, Feridun Zaimoglu oder den Bachmann-Preisträgerinnen Nora Gomringer und Sharon Dodua Otoo, aber auch so manchem internationalen Literaturstar, etwa Martin Suter, Claudio Magris oder Mathias Énard. Es sind in Leipzig natürlich vor allem die Schriftsteller und Schriftstellerinnen vertreten, die neue Bücher veröffentlicht haben – jede Buchmesse ist nicht nur eine Leseshow mit dieses Jahr 3300 Autoren und 2400 Ausstellern (250 mehr als 2016), sondern auch eine Werbeveranstaltung.

Fast unübersichtlich: die Vielzahl an Preisen in Leipzig

Damit das nicht allzu offensichtlich wird, gibt es alljährlich eine Vielzahl an Preisen, auf dass deren Gewinner womöglich zu Stars werden. Neben dem für die Europäische Verständigung, den der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Sachbuch, Belletristik und Übersetzung, den der Literaturhäuser (an Terézia Mora), den der Kurt-Wolff-Stiftung (an den Schöffling Verlag), den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik (an den „NZZ“-Redakteur Andreas Breitenstein), den Deutschen Jugendliteraturpreis oder den für das Schulbuch des Jahres.

Am Ende schließlich, das ist Leipzig-Folklore, wird die Manga-Jugend das Messe-Bild dominieren – was immer gern in Kauf genommen wird, solange der Nachwuchs auch mal ein Buch in die Hand nimmt.

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